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Gott sagt: ICH bin da

Neujahrsmorgen – Rückblickzeit.
Im Rückblick – Erinnerung.
Erinnern – sich fragen.

Fragen: Warum und Wozu – Antwortversuche.

In der Antwort – wieder Fragen,
Fragen: wie wird es werden – Hoffnungsträume,
Im Hoffen und Träumen – Ausblick,
Ausblick und Zukunft – Neues Jahr.

365 Tage sind vergangen.
365 Tage liegen vor uns.

Rückbesinnung – Neuanfang – Wir stehen an der Schwelle.

Zunächst Rückblick:

Wir schauen zurück und gehen wieder an den Anfang; den Anfang des letzten Jahres. Und auch an manch anderen Jahresanfang, den wir erlebten.
Wir denken an Hoffnungen und Wünsche, die großen und die kleinen; die ausgesprochenen und unausgesprochenen.
Wir denken an das, was wir uns vorgenommen hatten, an gute Vorsätze und Pläne.
Und wir denken daran, was davon Wirklichkeit geworden ist und wo es bei Plänen und Wünschen geblieben ist.

Wir erinnern uns.

Sie erinnern sich – ich erinnere mich.

Da waren die glücklichen, frohen Tage. Treffen mit Freunden, die ich lange nicht mehr gesehen hatte; Grüße von Menschen, die ich fast aus den Augen verloren hatte, erfüllende Musikabende, Augenblicke, wo ich die ganze Welt hätte umarmen können.
Da war der Sommerurlaub mit den langen warmen Nächten, stundenlange Gespräche; Augenblicke voller Geborgenheit, Glück und Fröhlichkeit.

Und es gab die Begegnungen und Ereignisse, die bis heute schmerzen:
Vertrauensbrüche, menschliche Enttäuschungen, das Gefühl, alles alleine machen zu müssen und auch Sorgen um Menschen, denen ich täglich begegne. Oder die Momente, wo ich Menschen verletzt oder vernachlässigt habe. Wo ich selbst Hoffnungen und Wünsche enttäuscht habe.
Ich denke an den Abschied von lieben Menschen; spüre den Verlust wie am ersten Tag.

Es gab auch Überraschendes. Unerwartete Lösungen, gelungene Dinge, die mich zufrieden und glücklich machten. Menschen, die ich kennen und schätzen lernte, Menschen, die da waren, wenn ich sie brauchte.

Ich sehe zurück auf das Jahr, was hinter mir liegt: sehe die Stunden der Traurigkeit, sehe auf die Zeiten, randvoll mit Glück und Lachen.

 

Ausblick:

Ausgebreitet liegt es vor uns, dieses neue Jahr.
365 Tage – 365 neue Tage.
Kein Tag des alten Jahres wird sich dort wiederholen. Und nichts wird so bleiben wie es jetzt ist.
365 unbeschriebene Tage. Es ist, als ob sich die Tür zu einem neuen wunderbaren Raum öffnet.

Ich denke an die Dinge, die zu erwarten sind in diesem neuen Jahr.
Persönliche und berufliche Veränderungen vielleicht.
Weichen werden neu gestellt. Schwerpunkte anders gesetzt.
Neue Aufgaben und Verpflichtungen kommen.
Da sind die Veränderungen im Freundeskreis. Die einen ziehen weg. Andere kommen wieder. Neues Kennen lernen nach langer Zeit.

Da sind die Pläne, die für den Urlaub gemacht werden.
Neue Entdeckungen, neue Eindrücke wird es bringen – dieses neue Jahr.

Und dann sind da noch die Sorgen, die ich mit hinübernehme ins Neue Jahr, um die Menschen, die mir am Herzen liegen; Freunde und Angehörige, die krank sind; wo die dürftige Zeit scheinbar nur Ungewissheit bringt; wo nicht klar ist, wie es weitergeht.

Ich merke, dass die 365 unbeschriebenen Tage des neuen Jahres ganz unterschiedliche Gefühle in mir auslösen.
Sie machen mich neugierig auf das, was kommt und zugleich auch unsicher, weil ich nicht immer weiß, was kommt.
Hoffnung habe ich, dass sich alle Pläne und Vorhaben zum Guten wenden mögen. Zugleich ist das Wissen da, dass sich meine Wünsche und Träume nicht immer erfüllen werden.

Was wird es bringen – das neue Jahr? Wo wird es Abschied geben?

Welche Hoffnungen werden sich erfüllen?

Ich sehe voraus in das neue Jahr: Sehe auf die Ereignisse, die mich mit Sorge erfüllen; sehe die Tage, von denen ich nichts weiß; sehe auf die Stunden, die ich mit Freude erwarte.

 

Gegenwart:

Hier stehen wir nun – an der Schwelle zwischen altem und neuem Jahr:
Reicher geworden – durch die Erfahrungen der vergangenen Jahre.
Geprägt von Eindrücken und Begegnungen.
Auf die unterschiedlichste Weise gezeichnet von Freude und Leid.
Hier stehen wir nun – am Anfang des neuen Jahres.
Neugierig auf die Überraschungen, die uns erwarten.
Unsicher, weil so viele Fragezeichen am Anfang unseres Weges stehen.
Hier stehen wir nun – zurückblickend und vorausschauend zugleich.
Und suchen nach Halt und Gewissheit für das, was vor uns liegt.

Wir fragen nach dem, was Bestand hat in unserem Leben, was wirklich verlässlich ist.

Ich denke an die Botschaft des Weihnachtsfestes. „Gott ist geboren – für euch.“ Für alle Menschen. Und er hält und trägt durch das, was war und durch alles, was kommt. Bei Ihm ist alle Zeit aufgehoben. Er ist der Grundton allen Lebens, auch meines Lebens.

Heute – an der Schwelle zum neuen Jahr lädt er uns ein, seinem Nahesein – und alles abzulegen, was bedrückt und belastet und es ihm ganz zu überlassen.

Damit wir mit frohem Mut und fröhlichem Herzen den Raum des neuen Jahres betreten.
Frei und unbeschwert, weil wir es wissen: Gott selber ist da.
Bei uns – mit Seiner Liebe und Zuwendung.
Und er wird nicht von uns lassen.
Keinen Tag wird es geben, an dem Er uns nicht Seinen Segen zuspricht.

„Gott sagt: Ich bin da

In das Dunkel deiner Vergangenheit und in das Ungewisse deiner Zukunft, in Deine Sorgen und Deine Freude lege ich meine Zusage: Ich bin da.
In das Spiel deiner Gefühle und in den Ernst deiner Gedanken, in den Reichtum deines Schweigens und in die Armut deiner Sprache lege ich meine Zusage: Ich bin da.

In die Fülle deiner Aufgaben und in die Leere deiner Geschäftigkeit, in die Vielzahl deiner Fähigkeiten und in die Grenzen deiner Begabung lege ich meine Zusage: Ich bin da.

In die Freude deines Erfolgs und in den Schmerz deines Versagens lege ich meine Zusage: Ich bin da.

In die Enge deines Alltags und in die Weite deiner Träume lege ich meine Zusage: Ich bin da.“

Ja, wenn es einen Vorsatz gibt für das neue Jahr, dann diesen: aus der Verheißung Gottes will ich leben.

Weil Er unser Leben in den einen großen Sinnzusammenhang der Schöpfung hinein geordnet hat und in Seinem Heilsplan beschützt für alle Zeit und Ewigkeit.

Gottes Gnade – sie hat uns in der Vergangenheit getragen.

Sie wird uns in der Zukunft tragen.

Gottes Gnade – jeden Tag neu, jede Stunde gegenwärtig, jederzeit erfahrbar für jeden von uns.

Amen.

 

[Superintendentin Angelika Zädow: Predigt am Neujahrstag 2016 in der Christuskirche]

Gott mit uns …

Gott mit uns!, stand vor hundert Jahren auf den Koppelschlössern.

Gott mit uns!, haben sie alle gepredigt, die wir heute verehren.

„Gott hat uns heute die blankeKlinge indie Hand gelegt: Deutschland soll größer werden und mit ihm mein Name“, predigte meine Lieblingspfarrer. (So eine Predigt hätte ich schon damals zum Heulen gefunden. Ein Glück: Später war es bei Paul Tillich anders geworden.)

 Später war es anders geworden. Später erstickten Menschen an den Steckschüssen in ihren Brustkörben.

 Dieses Später ist in der letzten Woche ganz nahe gerückt. Gott ist groß!, haben sie gerufen. Gerade hatten sie zwölf Menschen das Lebenslicht ausgeschossen. Ein Mord mit vielen Folgeschäden. Und mein liebes Frankreich weint. Die Mörder sind tot. Und die Idee des weltoffenen Lebens hat dicke Beulen bekommen. Wegen der Religion? Wegen eines Glaubens? Meistens ist es ja ein Glaube, der alles Ungläubige kaputt macht.

 Ich bin traurig heute. Nicht wegen der bekloppten Karikaturen von Charlie Hebdo. Sondern, weil da Tote liegen. Und weil etwas kaputt gegangen ist. Weil ein Glaube dem Aberglauben aufgesessen ist, dass man nur schießen muss und dann ist alles, was stört, weg. Und alles, was weh tut zwischen unseren unterschiedlichen Auffassungen von der Welt, die wir kennen und gestalten wollen haben zwei Idioten kaputt gemacht. Ich bin traurig.

 Hier entsteht eine Welt, die weder ich kenne noch Ihr kennen lernen wollt. Es ist nur Blut und Trauer. Nichts sonst. Und, dass es so eine Welt ist, in der meine kleinen Kinder leben sollen – das macht mich wütend, denn so war das nicht gedacht! Das sollt Ihr nicht von mir erben!

 So eine Welt habe ich nicht für Euch gewollt! Von so einer Welt dachte ich, dass sie hundert Jahre her ist. Aber alle Wochen rennen 18000 Menschen voller Hass durch die sächsische Metropole und geben der Angst den weitesten Raum. Ich bin traurig und ratlos. Und Christus ist geboren. Und ich soll Euch das verkünden. Geht das?

 Gott zieht Dich wie durchs Ertrinken auf die Seite des Lebens. Das ist das Thema heute. Denn am Ufer der Jordan steht einer, der rumschreit. Einer, der weiß, wie Gott es richtig macht. Einer, der ist, wie ein Eunuch: Er weiß, wie mans macht – bloß machen kann er’s nicht …Er schreit Menschen an: Ihr Schlangenbrut!

 Manchmal denk ich: Das stimmt! Ich weiß, was ich nicht will. Bloß: Machen kann ich auch nichts. Ich predige und schreie – die Hälfte der Zuhörer gibt mir irgendwie recht (wenn überhaupt so viele). Und dann ist Sonntag. Frei. Das Gute ist gesagt. Aber Morgen ist Montag. Und am Dienstag hört man von den Abendlandsvertretern in Dresden – die kriegen Presse …

 Wir aber nicht! Obwohl wir manchmal so unsere Gedanken haben zwischen Pfefferkuchen und Weihnachtsfrieden und so manches verstehen und goutieren.

 Am Jordan wird es plötzlich ganz komisch: Zwischen all denen, die es alles besser wissen, kommt einer, der es noch besser weiß. Die große Bewegung ist mitten im Gange. Und einer von vielen schaut plötzlich ins Wasser. Er sagt: Du hast Recht! Menschen sind nicht ganz sauber. Sind ja Menschen. Ich auch! Wäschst Du mich? Taufst Du mich? Mach! Kannst Du?

 Sympathisch ist der kamelhaarbemäntelte Fundamentalist am Ufer: Er hat plötzlich Skrupel. Darf ich den auch taufen?Er darf. Und er tut’s. Obwohl die Zeremonie nicht ganz passt: Auch auch der wird durch’s Wasser gezogen. Taucht halbertrunken auf. Atmet schwer. Neben ihm japsen sie alle: Die Zuhälter und Zöllner, die Frommen und die Zweifler. Einmal durch’s Wasser gezogen – jetzt grad noch lebendig. Eine Erfahrung. Nicht irgendeine: Eine Gotteserfahrung. Eine Lebenserfahrung: Ich atme und Gott will mein Leben. Hier gehör ich ihm. Ich. Egal, wie dicht dran ich mich sehe: Wenn ich dem mein Leben überlasse, werde ich schwer – aber doch – atmen. Mehr nicht.

 Es passt nicht. Es passt nicht, dass Menschen eine Redaktion überfallen und andere tot schießen.

Es passt nicht. Und ich bin traurig, weil Menschen Gott für ein rachedurstiges Gespenst halten.

Gott aber zieht Dich durch alles Wasser und alles Feuer. Zu sich. Der Dich heil macht, ist durch den Jordan und an das Kreuz gegangen. Der hat kein Schnellfeuergewehr. Denn seine Liebe ist echt. Weil er Dich kennt. Und weil Du eins von seiner Schöpfung bist.
Amen.

Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis …

Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis …

Mein Paradies duftet nach Tannengrün und Pfefferkuchen, leuchtet mit funkelnden Kerzen und dauert mindestens drei Tage lang. Oder auch nur einen Abend unterm Lichterbaum. Paradies. Wie kann man das beschreiben?

Ganz ehrlich: Trotz allem, was im Vorfeld anstrengend war: Der Moment, wenn ich die große Weihnachtsstube – unsere Kirche – am heiligen Abend betrete, ist wie eine Blitzzeitreise. Es duftet, es funkelt, es klingt – so wie früher an all den vielen Weihnachtsabenden, die tief in meinen Kindheitserinnerungen schlafen. Und sie werden wieder wach an diesem Abend. Egal, in welcher Kirche und egal, mit welchen Menschen. Ich kann es nicht anders beschreiben: Irgendetwas ist da wieder heil, hell, vollkommen und einfach schön. Ob in Birmingham oder auf Nordstrand, in Göttingen oder in Hasserode – ein Stück vom Paradies, dem verlorenen, leuchtet dann wieder auf. Ich glaube, manche wissen, wovon ich rede: Weihnachten bringt Dich ins Paradies.

Und wenn die Kinder dann auch noch so klein sind wie unsere, dann sind wir die Glücklichen, die gerade an der Entstehung solch eines Kindheitsparadieses mitwirken dürfen: Krippenspiele, Lieder und Kerzen werden es auch für sie unvergesslich und unnachahmlich machen. Weihnachten. Die Zeit, in der alles gut ist.

Später wird das sich ändern. Zumindest für die Eltern, die ihre Kinder flügge werden sehen. Spätestens zu Silvester gehen sie dann mit ihren Freunden feiern – in der Nachbarschaft oder in Paris. Aber Weihnachten waren wir alle zusammen. Versammelt um die Krippe, die Himmel und Erde zusammenbringt. Den meisten ist der heilige Abend noch heilig.

Der Zwölfjährige sieht das genauso: Über die Feiertage ist er mit den Eltern zusammen. Gute, heilige Zeit mit Besuch im Heiligtum mit all den üblichen Ritualen und Gesängen – bis das Fest zu Ende ist.

Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis …

 Zwölf Jahre vorher war er das ganze Glück seiner Eltern gewesen, hatte, manchmal quakend, manchmal still in der heugefüllten Krippe gelegen, hatte sich in Mutters und Vaters Arme geschmiegt. Für sie und für ihn war es das Paradies gewesen: Vater, Mutter, Kind. Vielleicht war die Erinnerung daran auch bei der Festreise nach Jerusalem wieder und ganz neu wach geworden. Das Kind. Stolz und Freude seiner Eltern. Bilder, die ruhig bleiben dürfen: Der Sohn, der sich mit ihnen auf den Weg macht, lächelnd auf seinem eigenen Esel und voller Vorfreude auf all das Festgetümmel und all die Geheimnisse des Glaubens. Zusammen mit ihnen sich der Gottesnähe nähern. Im Pulk all der Verwandten und Freunde – so, wie das ist bei so einem Fest. Es ist ein bisschen Paradies, wenn Du merkst, dass Deine Kinder in den gleichen Lebensbahnen zuhause sind wie Du selbst. Kein Gedanke daran, dass es da einen Bruch geben könnte.

Manchmal in diesen Tagen schaue ich mir meine Kinder an. Manchmal kommt mir der Gedanke, ob sie wohl diese Feiertage genauso erleben, wie ich sie damals erlebt habe. Ob es wohl schön für die Mädchen gewesen ist, nun endlich auch beim Krippenspiel mitmachen zu dürfen? Im Engelskleid und im Hirtenkostüm? Ich glaube schon. Etwas von der Weihnachtsfreude für andere leuchten zu lassen ist schon etwas Schönes. Und macht ein bisschen stolz.

Das Paradies musst Du selbst entdecken, wenn Du wissen willst, wie es für Dich ist. Wer kann schon sagen, was genau es ist?

Der Zwölfjährige. Er hat wache Augen und Ohren. Vielleicht durfte er auch mit stolzgeschwellter Brust selbst schon einen der heiligen Texte lesen oder sagen. Vielleicht auch nur die berühmten Kinderfragen stellen beim abendlichen Mahl: „Warum ist diese Nacht anders als andere Nächte?“ Er ist wichtig gewesen, damit das Fest gelingt. Auch das: Eine paradiesische Erfahrung: Ich gehöre dazu! Mein Dasein ist wichtig! Für mich und für die anderen. Gottes Nähe – das Paradies. Und er schließt es auf. Für sich. Für alle. Für immer.

Aber für den Zwölfjährigen ist die Gottesnähe nicht in den paar Feiertagen zum Paradies geworden. Er sucht sich eigene Wege. Es sind nicht die Wege seiner Eltern. Drei Tage suchen sie ihn. Und wo sie ihn finden, da gehört er ihrer Meinung nach nicht hin.

Wo gehören Kinder hin? Besonders dann, wenn sie groß werden? Was haben wir ihnen mitgegeben? Und welche Fragen werden ihr Leben begleiten? Werden sie Fragen nach dem Paradies, nach der Gottesnähe weiter stellen als wir denken? Und wie weit reicht unsere Sorge und das, was wir tun können? Auch dabei?

Der Zwölfjährige beantwortet die Sorgenfragen seiner Mutter einigermaßen schroff: „Wisst Ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?

Später wird er Paradiestüren öffnen, die weder seine Eltern damals noch wir heute als Tor zur Gottesnähe verstehen können oder wollen. Aber er findet sie: Gottes Nähe. Und er öffnet es: Das Paradies. Für Dich und für mich.

Das Paradies duftet nach Tannengrün und nach Pfefferkuchen – jedesmal, wenn wir uns mit unseren Kindern auf die vertraute Bahn unserer Feste und Bräuche begeben.

Alle Jahre wieder und solange es geht. Wir kommen zurück und wir finden für kurze Augenblicke, was wir hatten und was wir wieder finden werden.

Das Paradies lässt sich finden. In dem Leben, das Dir und allen, die zu Dir gehören, geschenkt ist. Du findest es, wenn Du selbst und alle, für die Du verantwortlich bist, einen eigenen Weg finden mit der Frage, wo Gott nahe ist, wo Himmel und Erde sich berühren und eins werden.

Für den Zwölfjährigen ist es der Tempel in Jerusalem, ist es das Gespräch mit denen, die wie er auf der Suche sind. Ein paar Jahre später finden alle, die es mit ihm zu tun bekommen, die Antwort in all dem Guten, was sie von ihm hören und mit ihm erleben.

Und in dem Augenblick, wo alles nicht mehr trägt, was bisher trug, wo alle Welt sich von ihm abwendet, weil sie ihn für gottverlassen hält – in dem Augenblick des Todes, der drei Tage dauern wird – da geht die letzte Tür zum Paradies auf: Im Vergehen, in der letzten Unverschämtheit des Lebens – mitten im Tod, da leuchtet plötzlich das Licht des frühen Ostertages.

Heut schließt er wieder auf die Tür …

Von der Krippe bis zum Felsengrab geht Gott Deinen Weg mit. Und dann ist der Stein weggewälzt. Und der Himmel ist offen. Amen.

Heilig Abend – Ich sing für dich …

Wenn der Advent zu Ende geht, 
dann bist Du DA.

Ja! Angekommen!

Und wenn das fünfte Lichtlein brennt, 
dann hast Du Weihnachten verpennt.

Einkaufswege und endlose Adventsfeiern 
sind gegangen und begangen.
Jetzt holst Du den Schlüssel 
aus der Tasche 
und bist da.

Ein bisschen wie früher:
Die Tür ging auf – 
diese Tür dürfte ruhig die letzte sein, 
die letzte Tür,
wie die große am Adventskalender:

Da strahlt ein Weihnachtsbaum. 
Da duftet’s nach Gänsebraten und Pfefferkuchen. 
Da bist Du geliebt und behütet.
Und draußen fällt in dicken Flocken der Schnee.

Ich sing für Dich ich schrei für Dich ich brenne und ich schnei für DichVergesse mich erinner mich für Dich und immer für Dich Für immer und Dich …

Wegen Weihnachten 
wissen die meisten von uns
ein bisschen was davon,
was Erfüllung ist,
was Frieden heißt
und den Menschen 
ein Wohlgefallen.

Auch wenn Weihnachten 
ein paar Knackse bekommen hat
 wie die alten Thomanerschallplatten:

Irgendwo in Deiner Kindheit 
leuchtet ein rotbeapfelter Lichterbaum,
gepflanzt mitten in Deine Sehnsucht:

Hier ist DER Raum in der Herberge:

Guten Abend, gute Nacht, 
von Englein bewacht, 
die zeigen im Traum 
Dir Christkindleins Baum.
Paradies – selig und süß!

Ich lach für Dich wein für Dich ich regne und ich schein für Dich Versetz die ganze Welt für Dich für Dich und immer für Dich Für immer und Dich

Zuhause. 
Kachelofenwärme. 
Schneeflockenträume. 
Für viele 
ist Weihnachten
 wie 
das vermisste 
Zuhause.

Und wenn alles fehlt 
und wenn nichts mehr gut ist
und wenn der Wind rauher wird
 dann bist Du hier zuhause –

wie das kleine Mädchen
das mit dem 
letzten Schwefelhölzchen 
im Erfrieren
das liebe Gesicht 
der Großmutter 
findet 
und in ihren Armen
 zu Hause ist.

Die anderen,
 die Kalten,
die sie am Morgen finden, 
ahnen nicht,
was sie gefunden hat – 
finden durfte.

Für Dich und immer für Dich Egal wie du mich nennst egal wo du heut pennst Ich hab so oft für Dich gelogen Und ich bieg dir ’n Regenbogen.Für Dich und immer für Dich Für immer und Dich

Zu Hause.
Ich glaube, 
das ist es, 
was wir alle suchen:

Zuhause. 
Behaust sein. 
Irgendwann ankommen. 
Dort, wo Du hingehörst.

In dieser Nacht geht eine Braut mit ihrem Bräutigam
 durch die ungastliche Dunkelheit.
 Zuhause sind sie hier nicht.

Und ein Quartier finden sie 
nur in einem Stall, die beiden.

Und ein Kind wird geboren.
 Und DAS macht sie zur Familie.
Da ist ein Zuhause.
 Mitten im Nirgendwo.

Weil sie sich jetzt haben.
 Und weil Gott sagt: 
Hier bin ich!

Schaut hin!
 Dort liegt
im finstern Stall
 des Herrschaft 
gehet 
überall!

Ich rede für Dich schweig für Dich ich gehe und ich bleib für Dich Ich streich den Himmel blau für Dich Für Dich und immer für Dich Für immer und Dich

In einer Nacht, 
wo man keinen Hund vor die Tür jagt,
wo man aber einer werdenden Familie
den Stuhl vor die Tür setzt;

in einer Nacht, 
in der die Steuererklärung
das Wichtigste ist
 vor allem aufkeimenden Leben,
als Quirinius Landpfleger
 in Syrien war,

da pflanzt Gott sein Paradies.
 Er pflanzt es dorthin,
wo keiner hin will.

Ich rede für Dich schweig für Dich ich gehe und ich bleib für Dich Ich streich den Himmel blau für Dich Für Dich und immer für Dich Für immer und Dich

Zur dunkelsten Stunde 
kommt er in der Welt an.

Wenn der Advent
 zu Ende geht …

Wann wird das sein? 
Welche Türen 
werden aufgehen?

Zu welchen Enden
 wirst Du kommen?

Und 
hast Du noch Schlüsselgewalt?

Oder schon Schweigepflicht?

Ich sing für Dich ich schrei für Dich ich brenne und ich schnei für Dich Vergesse mich erinner mich für Dich und immer für Dich Für immer und Dich

Kann einer 
alles 
im Griff haben
 und nebenbei
versäumen 
was 
das Wichtigste 
ist?
Zuhause.
Behaust sein.
Wenigstens den Stall.
Wenn schon nichts anderes:

Zwei 
haben gefunden – in dieser Nacht,
Hirten und Könige suchen – in dieser Nacht.
und finden – mitten in der Nacht:
Ein Kind.
In Windeln gewickelt.
Und in einer Krippe liegend.
Irrsinn in der Normalität.
Normales im Irrsinn.

Für Dich und immer für Dich Egal wie du mich nennst egal wo du heut pennst Ich hab so oft für Dich gelogen Und ich bieg dir ’n Regenbogen. Für Dich und immer für Dich Für immer und Dich

Keim, der aus dem Acker
in den Morgen springt.

Eine Geschichte 
bringt Dich mit ihnen zusammen:
Liebe lebt auf,
 die längst erstorben schien …

Heute ist der Abend, 
der Platz hat
für alles, 
was Dir weh tut,
wenn
 Du noch 
danach suchst, 
was anders, besser, größer 
und voller Leben ist.

Für Dich und immer für Dich Egal wie du mich nennst egal wo du heut pennst Ich hab so oft für Dich gelogen Und ich bieg dir ’n Regenbogen. Für Dich und immer für Dich Für immer und Dich

Geh,
 mach die dunklen Ställe auf,
in die Du alles 
sperrst, 
was Deinem Leben im Weg steht, 
alles, 
was Du jemals gewollt hast,
 alles, 
was Dir inzwischen Angst macht, 
weil es nicht 
zu dem passt,
wie das Leben 
eben geht, 
gehen muss.

Heute ist der Abend,
wo Dein Gott genau dort geboren wird:
Wo nichts geht.
 Wo alle die Hände heben.
Wo kein Platz ist. 
Wo der Stillstand alles lähmt.

Wo Menschen in den satten Städten schreien, 
wo Menschen ihr Leben verlieren, 
weil ein paar es so wollen,
wo Leistung sich nicht mehr lohnt
 und wo das Leben Dich bestraft.
Da kommt er hin.
 Da wird Dein Gott geboren.

Ich sing für Dich ich schrei für Dich ich brenne und ich schnei für Dich Vergesse mich erinner mich für Dich und immer für Dich Für immer und Dich

Gott hat einen Krippenplatz.
Und er füllt die Leerstellen.
Schau dahin, 
wo es leer ist in Dir: 
Da hat er Platz.

Was suchst Du?
 Das Lebendige
 bei den Toten?

Hier ist die Krippe.
Hier lebt das Kind.
 Hier wird alles neu.

So verrückt das klingt. 
Gott ist in dieser Welt.
Lässt keinen los.
 Nie mehr.

Ich sehe für Dich hör für Dich ich lüge und ich schwör für Dich Ich hol den blauen Mond für Dich für Dich und immer für Dich Für Dich und immer für Dich Egal wie du mich nennst egal wo du heut pennst Ich hab so oft für Dich gelogen Und ich bieg dir noch ’n Regenbogen.Für Dich und immer für Dich Für immer und Dich…

Amen.

… aber es ist noch eine Ruhe vorhanden

Wolken ziehen über den Himmel und lassen das Sonnenlicht verschwinden und wieder auftauchen.
Es gleißt in den Augen – und plötzlich ist wieder eine Welt voll Schatten um Dich.
Und wenn die Sonne dann untergeht, kriecht der Nebel aus den Wäldern
und es wird kalt. Der Abend scheucht Dich in die Wärme Deines Zuhauses unter den Lichtschein über den Küchentischen. Es ist noch eine Ruhe vorhanden …

Sie riecht nach dampfendem Schwarztee und schmeckt nach gutem Brot, diese Ruhe.
Sie wohnt in den ruhigen Flammen der Kerzen auf dem Tisch.
Sie kommt mit den Briefen, mit den langen Telefongesprächen, mit dem Besuch von Freunden.
Sie breitet sich über Dich mit dem Gläschen Wein und mit den guten Worten, die Ihr füreinander habt.

Vor dem Himmel kann keiner fliehen: Leer und blau, Wolkengeflacker, Nebelhüllen breiten sich zwischen den Menschen und seiner Weite, halten uns unruhig. Sie sprechen in den dunklen Herbstwochen davon, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war. Aber es ist noch eine Ruhe vorhanden.

Ein Jahr geht. Zeit geht, nimmt uns mit sich. Aber für viele ist gerade heute mit diesem Vergehen keine Ruhe eingekehrt. Denn für so viele von Euch ist in dieser vergehenden Zeit unter dem wechselnden Himmel und mit dem Dunkel des Totensonntags ein Mensch nicht mehr an Eurer Seite. Ein Lücke blutet. Und so sehr wir unseren Toten die Ruhe gönnen – nach Leid und Schmerz und langem Krankenlager – so sehr spüren wir heute die Unruhe: Leben vergeht und Liebe wird heimatlos, wird traurig und ruhelos … Ist noch eine Ruhe vorhanden?

Hält Deine Trauer Schritt? Ist es leichter geworden, das Gehen – ohne den Menschen an Deiner Seite, der nun immer fehlen wird? Findest Du Ruhe für Dein Denken und Fühlen? Oder kriecht immer wieder diese Einsamkeit in Dir hoch und holt Dir die Tränen aus der Seele? Oder findet der Trost Dich langsam wieder und der Mut, der an diesem einen Tag am Grab so weit weg war, wie noch nie? Gibt es Ruhe? Für Dich?

Wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch …

Die Vöglein schweigen im Walde – warte nur: Balde ruhest Du auch!
Zur Ruhe kommen: Manchmal wünscht man sich nur das: Ruhe!
Nach allem Tun und Machen und am Ende dem langen Scheitern – Ruhe wäre jetzt schön! Gut! Das einzig Wahre!
Ruhe ohne Reue. Paar Tage. Wenigstens nachmittags. Auf dem Sofa für eine Stunde. Mit den schwarzen Socken und Schuhen an und dem weißen Hemd. Solange es braucht eben. Bis Du wieder funktionierst – bis Du wieder gehst, bis Du wieder erträglich bist für die Welt und die Welt für Dich. Bis Du wieder einer bist. Für Dich und für andere. Denn der Schatten war (ist?) größer war als das Licht. Dunkelheit lässt das Licht der Welt verschwinden. Bis es wieder leuchtet: So viel Ruhe muss sein. Mittendrin: Im Getriebe der Tage musst Du Dich finden. Wiederfinden. Weil Du sonst verloren gehst im dunklen Tal. Da gehörst Du nicht hin! Und weil die Sonne untergeht am endlosen Himmel, der Dir eigentlich blüht und der Dich nicht bedroht. Da gehörst Du hin! Aber diesen Glauben musst Du erst wieder finden, damit Du den Ort nicht mehr bedrohlich findest, der Dir das Liebste weggenommen hat und immerzu nur weiter weg nimmt: Weiß Gott! Dann ist noch eine Ruhe vorhanden. Für Dich. Für das Volk Gottes. Und für die anderen auch.

Aber die Ruhe, die Du suchst, die ist eine andere als die, die Du findest, wenn Du Dich nur abfindest. Ruhe hat etwas damit zu tun, dass alles gut ist, hat etwas mit dem Frieden zu tun, der all die vielen Sachen, die bedrohlich um Dich tanzen, von Dir fern hält. Ruhe – die hat dann einen anderen Namen. Echte Ruhe will Dich nicht beschwichtigen für den kurzen Moment. Ruhe heißt auch: Hoffnung! Oder sie ist dasselbe wie die festeste Deiner Hoffnungen, die selbst am Totensonntag und am frischen Grab nicht stirbt: Es wird alles gut werden! Kannst Du, wenn ich Dich ehrlich frage, eine klitzekleine Spur finden – in dem Leben, das Du jetzt hast?

Dein Weg  geht noch weiter. Manchmal noch viel weiter. Mit dunklen Tälern und schattigem Spätherbstlicht – November für November, jahrein, jahraus. Bis Du Trost findest. Selbst. Bis Dir die Worte nicht mehr hohl vorkommen, die Dich trösten wollen. Bis die Welt wieder geht.

Hebräer 4, 9-11: 

„Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes.
Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen.
So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen.“


Gott segne Euch! Er beschütze Euern Glauben. Das Leben ist nicht durchkreuzt. Es kommt an. Dann. Wann? Ganz sicher – Heute oder morgen! Bei Gott sind wir geborgen! Amen.