Vertrauen wagen – Jesus Christus, er mache euch fähig zu allem Guten

Und der Gott des Friedens,
der den großen Hirten der Schafe,
unsern Herrn Jesus,
von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes,
der mache euch fähig in allem Guten, zu tun seinen Willen;
er schaffe in uns, was IHM gefällt,
durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Amen.

 

Manchmal klingt die große Geschichte durch das eigene kleine Leben.
Ich hole mir das grüne Büchlein,
schlecht verarbeitet und in seinem Kontrast zu dem gelben Aufdruck eigentlich hässlich.
Gelbe Pfeile, die auf ein unsichtbares Kreuz zeigen
und es dadurch erst erkennen lassen.

Meine Ausgabe der „Guten Nachricht“ von 1983.

Und mir fällt ein,
dass ich damals mit zwölf Jahren zum ersten Mal die ganze Geschichte mit dem umzankten und geschmähten Glauben, die ganze Sache mit der Kirche gemerkt habe.

Plötzlich war das wichtig, was ich mit der Muttermilch eingesogen habe.
Denn dieses entsetzlich schreiende Grün mit den fürchterlich gelben Pfeilen
hatte eine Botschaft.
Und die hieß: Vertrauen wagen – Gottesdienste im Lutherjahr 1983.

Gelbe Pfeile, die auf ein Kreuz im großen Grün zeigen
und es dadurch erst sehen lassen, dieses Kreuz.

Ich weiß noch, wie ich als Zwölfjähriger gedacht habe:
Es braucht doch diese gelben Pfeile.
Es braucht doch meinen Vater und seine Kollegen,
die damals noch mit Stolz Bruder und Schwester zueinander sagten.
Und es braucht wohl auch uns Gelblinge,
dass in dem großen grünen und schlecht verarbeiteten Einerlei etwas zeigen,
was sonst nicht zu sehen ist, aber immer da ist.
Ich war wohl ein seltsames Kind.

Seltsam wird man, wenn einem die ganze Welt mitteilt,
dass ein Teil der eigenen Wirklichkeit eher ins Reich der Märchen gehört.
Und gleichzeitig bekommt man zu hören, dass man mit all dem,
was man da selbst glaubt und für wichtig hält,
Teil eines Großen und Ganzen ist:
Wir wollen doch alle den Frieden!
Willst Du den Frieden? Dann bist auch Du Kommunist!
Das hat mein Klassenlehrer damals zu mir gesagt.
Natürlich ist das Balsam auf die geschundene Kinderseele eines Aussenseiters.
Und ich kann mich erinnern, dass ich es damals so gut fand,
dass auch ich dazu gehören durfte zu den anderen.
Denn etwas anderes wünscht man sich nicht, wenn man zwölf Jahre alt ist.

Man wünscht sich mit zwölf Jahren als DDR-Kind auch nicht,
dass alle jetzt plötzlich auf den eigenen Kurs einschwenken.
Man ist kein Missionar. Und auch kein Zeuge.
Man ist einfach froh, wenn man in Ruhe gelassen wird.
Und dazu gehören darf.

Aber ich bin in großen Zeiten geboren:
Es waren Zeiten, in denen zum ersten Mal nach langen Jahren der Kirchen-Barrikade
ein Gottesdienst im DDR-Fernsehen übertragen wurde – aus den beiden Höfen der Wartburg.

Es waren die Zeiten, in denen ich im Schoße der Kirche ein Abitur machen durfte –
es war nicht anerkannt, aber staatliche Hochschulen hätten uns trotzdem genommen.

Es war die Zeit, in der ewige eiserne Vorhänge sich auftaten,
und Menschen von Ungarn und Österreich dichter zueinander brachten.
Es waren die Zeiten, in denen der Sozialismus seine Gewalt aufmachte
und durch Kerzen und Gebete letztendlich aus dem schmalen Korridor der Geschichte geweht wurde.
Es waren die Zeiten, in denen alles möglich wurde und alles Mögliche wirklich wurde.
Da bin ich geboren.
Das habe ich gesehen.
Da ist etwas hell geworden inmitten schwärzester Nacht.

Der Gott des Friedens, der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus,
von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes,
der mache euch fähig in allem Guten, zu tun seinen Willen;
er schaffe in uns, was IHM gefällt, durch Jesus Christus,
welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Amen.

Vertrauen wagen.
Vor 31 Jahren war das ein Slogan, der völlig unzeitgemäß war.
Vertrauen in einer Zeit, wo Kirche nicht mehr dazugehörte,
wo man denen, die der Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod kopfschüttelnd gegenübertrat,
so, als seien sie eben ein bisschen wahnsinnig –
immerhin, ein bisschen liebenswert waren sie auch.

Waren wir auch. Aber eben nicht auf der Seite der Sieger der Geschichte.

Heute ist alles ganz anders.
Heute darf man das einfach so sagen: Vertrauen wagen.

Eins aber hat sich nach wie vor nicht geändert:
Immer noch werden Menschen mit Vertrauen auf etwas,
was den alltäglichen und augenfälligen Käse übersteigt –
auch heute noch werden sie als etwas seltsam Weltfremdes angesehen.
Nicht besonders gefährlich,
sondern wie ein Echo längst vergangener Zeiten klingt ihre Botschaft zu denen,
die wissen, wie die Welt eigentlich geht und funktioniert.

Vertrauen wagen.
Wenn man diejenigen fragt,
die in den späten achtziger Jahren als Pfarrer in ihren Gemeinden aktiv gewesen sind,
wie es damals gewesen ist, wovon sich ihr Glaube und ihr Vertrauen genährt hat

was bekäme man da wohl für Antworten?

Sie sind mit den Menschen auf dem Weg gewesen.

Je nach den Möglichkeiten, die damals da waren.

Ich kenne einen Pfarrer, der mit seiner aus dem Westen mitgebrachten elektrischen Heckenschere die Thüringer Vorgartenliguster beschnitt und bei dieser praktischen Gelegenheit gleich ein wenig Besuchsdienst nebenbei erledigt hat.
Und es war eine große Stärke, dass sie einfach dagewesen sind,
die Hirten damals, dass sie das Kirchenjahr gefeiert
und gestaltet haben für die,
die ihren Glauben leben wollten – auch wenn das allseits nicht immer ganz einfach war.

Sie haben keine Fußballstadien mit der Frohbotschaft von Jesu Auferstehung gefüllt.
Höchstens die beiden Höfe der Wartburg.
Und das war schon die große Ausnahme überhaupt.
Aber sie sind da gewesen.
Es war wie ein großes Trotzdem-Ausrufezeichen:
Alle Welt sprach davon, dass Kirche sich überlebt hat
und irgendwann völlig gleichgültig werden würde.
Aber die Menschen haben sie gebraucht unter dem großen Druck der äußeren Verhältnisse.

Heute drückt auch so Einiges,
am meisten wohl die allgemeine Gleichgültigkeit,
die alle Bereiche unseres Lebens inzwischen erreicht hat.
Und den Durst,
den Menschen heute haben nach Sinnstiftung und Ausweg aus dem Verloren-Sein –
den kann kaum noch einer stillen.
Was ist das Gute, zu dem wir durch unseren Glauben tüchtig werden?

 

Der Gott des Friedens,
der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus,
von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes,
der mache euch fähig in allem Guten,
zu tun seinen Willen;
er schaffe in uns, was IHM gefällt, durch Jesus Christus,
welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!

 

Es ist Mai im Jahr 2014.
Vor zwei Wochen haben wir Ostern gefeiert,
haben von unserem Glauben erzählt
und bekennen diesen Glauben in jedem Gottesdienst.

Vielleicht ist es das, was wir tun können
und müssen:
Menschen von Gott erzählen.
Von seinem Mitgehen und von seiner Ferne.
Und von unserem Vertrauen, das davon lebt,
dass wir es wagen – immer wieder,
auch in den dunkelsten und langweiligsten Tälern,
durch die wir immer wieder müssen.

Dieses Vertrauen habe ich mit zwölf zum ersten Mal bestätigt gefunden
und seitdem immer wieder:

Der Gott des Friedens, der den großen Hirten der Schafe,
unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat
durch das Blut des ewigen Bundes,
der mache euch fähig in allem Guten,
zu tun seinen Willen;
er schaffe in uns, was IHM gefällt, durch Jesus Christus,
welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Amen.

Pfr. Schmudde (04.05.2014)