… aber es ist noch eine Ruhe vorhanden

Wolken ziehen über den Himmel und lassen das Sonnenlicht verschwinden und wieder auftauchen.
Es gleißt in den Augen – und plötzlich ist wieder eine Welt voll Schatten um Dich.
Und wenn die Sonne dann untergeht, kriecht der Nebel aus den Wäldern
und es wird kalt. Der Abend scheucht Dich in die Wärme Deines Zuhauses unter den Lichtschein über den Küchentischen. Es ist noch eine Ruhe vorhanden …

Sie riecht nach dampfendem Schwarztee und schmeckt nach gutem Brot, diese Ruhe.
Sie wohnt in den ruhigen Flammen der Kerzen auf dem Tisch.
Sie kommt mit den Briefen, mit den langen Telefongesprächen, mit dem Besuch von Freunden.
Sie breitet sich über Dich mit dem Gläschen Wein und mit den guten Worten, die Ihr füreinander habt.

Vor dem Himmel kann keiner fliehen: Leer und blau, Wolkengeflacker, Nebelhüllen breiten sich zwischen den Menschen und seiner Weite, halten uns unruhig. Sie sprechen in den dunklen Herbstwochen davon, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war. Aber es ist noch eine Ruhe vorhanden.

Ein Jahr geht. Zeit geht, nimmt uns mit sich. Aber für viele ist gerade heute mit diesem Vergehen keine Ruhe eingekehrt. Denn für so viele von Euch ist in dieser vergehenden Zeit unter dem wechselnden Himmel und mit dem Dunkel des Totensonntags ein Mensch nicht mehr an Eurer Seite. Ein Lücke blutet. Und so sehr wir unseren Toten die Ruhe gönnen – nach Leid und Schmerz und langem Krankenlager – so sehr spüren wir heute die Unruhe: Leben vergeht und Liebe wird heimatlos, wird traurig und ruhelos … Ist noch eine Ruhe vorhanden?

Hält Deine Trauer Schritt? Ist es leichter geworden, das Gehen – ohne den Menschen an Deiner Seite, der nun immer fehlen wird? Findest Du Ruhe für Dein Denken und Fühlen? Oder kriecht immer wieder diese Einsamkeit in Dir hoch und holt Dir die Tränen aus der Seele? Oder findet der Trost Dich langsam wieder und der Mut, der an diesem einen Tag am Grab so weit weg war, wie noch nie? Gibt es Ruhe? Für Dich?

Wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch …

Die Vöglein schweigen im Walde – warte nur: Balde ruhest Du auch!
Zur Ruhe kommen: Manchmal wünscht man sich nur das: Ruhe!
Nach allem Tun und Machen und am Ende dem langen Scheitern – Ruhe wäre jetzt schön! Gut! Das einzig Wahre!
Ruhe ohne Reue. Paar Tage. Wenigstens nachmittags. Auf dem Sofa für eine Stunde. Mit den schwarzen Socken und Schuhen an und dem weißen Hemd. Solange es braucht eben. Bis Du wieder funktionierst – bis Du wieder gehst, bis Du wieder erträglich bist für die Welt und die Welt für Dich. Bis Du wieder einer bist. Für Dich und für andere. Denn der Schatten war (ist?) größer war als das Licht. Dunkelheit lässt das Licht der Welt verschwinden. Bis es wieder leuchtet: So viel Ruhe muss sein. Mittendrin: Im Getriebe der Tage musst Du Dich finden. Wiederfinden. Weil Du sonst verloren gehst im dunklen Tal. Da gehörst Du nicht hin! Und weil die Sonne untergeht am endlosen Himmel, der Dir eigentlich blüht und der Dich nicht bedroht. Da gehörst Du hin! Aber diesen Glauben musst Du erst wieder finden, damit Du den Ort nicht mehr bedrohlich findest, der Dir das Liebste weggenommen hat und immerzu nur weiter weg nimmt: Weiß Gott! Dann ist noch eine Ruhe vorhanden. Für Dich. Für das Volk Gottes. Und für die anderen auch.

Aber die Ruhe, die Du suchst, die ist eine andere als die, die Du findest, wenn Du Dich nur abfindest. Ruhe hat etwas damit zu tun, dass alles gut ist, hat etwas mit dem Frieden zu tun, der all die vielen Sachen, die bedrohlich um Dich tanzen, von Dir fern hält. Ruhe – die hat dann einen anderen Namen. Echte Ruhe will Dich nicht beschwichtigen für den kurzen Moment. Ruhe heißt auch: Hoffnung! Oder sie ist dasselbe wie die festeste Deiner Hoffnungen, die selbst am Totensonntag und am frischen Grab nicht stirbt: Es wird alles gut werden! Kannst Du, wenn ich Dich ehrlich frage, eine klitzekleine Spur finden – in dem Leben, das Du jetzt hast?

Dein Weg  geht noch weiter. Manchmal noch viel weiter. Mit dunklen Tälern und schattigem Spätherbstlicht – November für November, jahrein, jahraus. Bis Du Trost findest. Selbst. Bis Dir die Worte nicht mehr hohl vorkommen, die Dich trösten wollen. Bis die Welt wieder geht.

Hebräer 4, 9-11: 

„Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes.
Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen.
So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen.“


Gott segne Euch! Er beschütze Euern Glauben. Das Leben ist nicht durchkreuzt. Es kommt an. Dann. Wann? Ganz sicher – Heute oder morgen! Bei Gott sind wir geborgen! Amen.