Christus ist zu uns gekommen … und er bleibt

Liebe Schwestern und Brüder,

da oben können wir ihn heute noch sehen – den wunderbaren, riesigen Stern. Ein Licht ist angegangen! Heute sehen wir ihn nochmal glänzen – in schöner Pracht: Hoch über Berg und tiefe Tal. Weihnachten ist noch einmal da.

Da waren volle Kirchen am Heiligen Abend. So voll, dass es sogar mehrere Gottesdienste geben musste. Einmal im Jahr: Eine riesige Freude für den, der vorne steht. Und sicher auch für den, den sie eigentlich besuchen wollen und den sie suchen – all diese Menschen. Jetzt muss es reichen, für elf Monate hoffentlich. Keine Ahnung, wie lange es wirklich reicht.

Aber bis der Stern wieder eingepackt auf dem dunklen Dachboden vor sich hin staubt und die Krippe wieder in der Kiste verschwindet – solange sollte es wohl reichen.

Immer noch merke ich das Händeschütteln am Ausgang, sehe das Lächeln der Alten vor mir, höre das Lärmen der Kleinen. Und auch die Jungen haben mitgemacht zur heiligen Nacht. Denn die gute Nachricht ist angekommen: Gott ist da. Zum Anfassen. Er hat Dich lieb!

Manche Theologen hatten Bedenken: Da ist zuviel Friede, Freude, Eierkuchen! Was ist mit denen, die das gar nicht erreichen kann?

Ach kommt, hab ich gesagt: Einmal im Jahr: Fürchtet Euch nicht! Ja aber, haben sie gesagt, da kannst Du nicht: Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen und Lichterbäume und Gänsebraten bringen!

Ihre Sorge: Das Feiern in der Kirche soll nicht als religiöses Sahnehäubchen oben auf der Weihnachtsgefühligkeit sitzen. Weihnachtsgefühligkeit ist es nämlich nicht nur. Die gehört auch dazu – samt den wunderbaren Liedern und Bräuchen. Aber Weihnachten: Da kommt Licht in die Welt! Licht für das ganze Leben – für immer! Das hat Kraft, die Dich umhaut! Die kannst Du nicht in ein paar Schneeflockenliedern einlullen lassen!

Damit haben sie ja auch Recht. Denn es ist ja wahr:

Es ist ja kaum etwas in Ordnung. Es ist ja so vieles so schlimm. Und die Welt kann einem weh tun. Und das tut sie auch – weiß Gott!.

Müsste ich nicht den Engeln verbieten – und mir auch – Friede auf Erden zu verkünden? Wo soll der denn sein? Friede? Rundrum nur eine wackelnde Welt. Und eher Krieg als Frieden. Und – mal abgesehen von unserm lieben Wohlstandsland – wer hat was vom Frieden gesehen im letzten Jahr – Frieden? Haha! Guck Dir die Jahresrückblicke auf 2013 an!

Und bei uns ist auch nicht alles in Butter. Da kann man ruhig mal ehrlich sein!

Die bösen Mächte hatten damals das Kind von Bethlehem nicht gekriegt und nicht besiegt.

Wer kriegt es jetzt? Wie ist es jetzt? Behalten wir etwas von Weihnachten? Oder liefern wir das Kind von Bethlehem aus? An das – ach – so normale Leben?

Ist die Welt inzwischen wieder so doll da, dass wir’s lieber wieder in die Kiste zur Krippe packen? Frieden auf Erden? Wer hat nach dem Fest wieder wirklich Macht über Dich und mich?

Hat sich die schöne Nachricht schon wieder verflüchtigt? Oder hat sie noch etwas zu sagen – heute, kurz vor Festschluss? Welche Macht bestimmt das Leben?

Spätestens, wenn wir die Sterne und Krippen in die Schränke packen und die Bäume pünktlich zur Müllabfuhr übermorgen aus dem Fenster werfen, ist Weihnachten für die meisten vorbei. Die Seele kühlt sich langsam an das heran, was das normale Lebens fordert. Und das normale Lieben kriegt uns schließlich wieder – Dich und mich. Und all das weihnachtsanarchistische Geleuchte und Gefunkel ist wieder weg. Endlich!, sagt das normale Leben.

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, da sprechen die Hirten untereinander Lasset uns nun gehen und weitermachen, es hilft ja nichts.

Wir richten uns wieder nach den Nachrichten. Wir werden nur durch umfassende Information in Form gehalten.

Weihnachtskehraus in einem neuen Jahr.

Kalter Sturm weht über den Brocken. Zerfetzt die Wolken. Lässt aus ihnen für flüchtige Augenblicke Bilder am Himmel entstehen. Es pustet noch einmal – und alles ist weg. Nichts bleibt.

Eiskalt weht es auch durch die ganze Welt. Momente entstehen und verwehen. Wir hoffen auf Frieden, weil Hände von Mächtigen sich kurz umeinander schließen. Doch der Frieden ist weit – auch zur Weihnachtszeit. Die große und die kleine Welt – ist sie dem Zufall unterworfen? Und was darin passiert – ist es eine Reihe nicht zusammenpassender Lebensschnipsel, hingeworfen und hingeweht? Sinnlos das meiste? Belanglos? Kleinlich?

Gedanken über Launen des Lebens im Sturm des Mittwinters. Kurz nach dem Fest.

„Gott hat die Macht, euch zu stärken: Nämlich in all dem, was meine gute Nachricht ist: Durch all das, was ich von Jesus Christus offen sage – ich spreche in einem ewig gehüteten Geheimnis, das jetzt offen und bekannt ist. Des ewigen Gottes Befehl wollte es nun durch prophetische Schriften enthüllen. Alle Völker sollten es wissen. Denn sie sollten ihm folgen und Vertrauen zu ihm fassen. Gott allein ist weise. Durch Jesus Christus gehört ihm alle Ehre – in Ewigkeit. Amen.“

Das wurde geschrieben in einem bewegten Leben. Von einem Menschen. Vor langer Zeit.

Es sind die letzten Verse des Römerbriefes aus dem Neuen Testament. Wer schreibt so? Es soll einer gewesen sein, dessen Leben mehr als einmal total über den Haufen geworfen wurde: Paulus war sein Name. Er war ein Mensch mit Erfahrungen. EINE Lektion hat der besonders gelernt: Nichts ist beständiger als der Wandel. Bilder, die einer von seinem Leben hat, sind flüchtig. Ändern sich. Wechseln ihre Gestalt wie Wolken am Himmel, wenn der Brockenwind reinbläst. All das, was wichtig und richtig ist – das sieht plötzlich ganz anders aus. Er war nur ein Mensch. Wie wir. Der gewusst hat, dass Menschenleben unordentlich ist. Ausgesetzt. Und eigentlich nicht festzuhalten. „Gott hat die Macht, Euch zu stärken! Gott allein ist weise! Ihm sei die Ehre!“ Fest und sicher klingt das. Überraschend fest und sicher. Es klingt, als habe er etwas für sein chaotisches Dasein und die nicht zusammenpassenden Lebensschnipsel gefunden – etwas, das beim Ordnen hilft. Auch wenn er doch eigentlich mehr ins Schwärmen gerät und gar nichts erklären kann. Wahrscheinlich will er auch gar nichts erklären. Er schwärmt: Gott hat ein Geheimnis aufgemacht! Ich kann nicht anders – Ihr werdet’s sowieso nicht verstehen, aber was ich meine ist, ist, ähm…

Was meint er? Ich versuche, es mir zu erklären: Wenn Weihnachten geht, bleibt mehr als nur die wieder lichtlosen und einstaubenden Sterne und die weggepackten Krippen. Es bleibt Licht! Es bleibt das, was in Dir unter den strahlenden Weihnachtsbäumen und im Klang der Lieder für einen Abend wach werden durfte. Es bleibt der Mensch. Der, der Du bist, aber auch das Kind, das Du warst! Beides hast Du in der Krippe gesehen: Christus ist da. Es bleibt etwas, das Dich weit weg von allem Erlebten und Erlittenen erreichen will: Tag für Tag! Gott will Dich Dein Leben Tag für Tag wieder leben lassen – mit Sehnsucht und Zutrauen. So, wie er selbst leben wollte in dem Kind, das da in der Krippe gelegen hat. Das bringt sogar Licht in diesen irren Widerspruch, den wir Menschen jeden Tag schaffen müssen: Wir haben immer Angst und müssen immer mutig sein.

Denn Dein Gott besucht die Welt nicht nur für drei Tage voller Gefunkel und Krippenseligkeit. Der bleibt da! Gott bleibt in der Welt. Das Kind aus dem Stall wird Teil des Lebensspiels. Es fängt an, sein eigenes Leben zu finden, Fragen zu stellen, nach dem Vater, von dem es ist. Es lebt, wächst und gedeiht unter den wechselnden Zufallsbildern der Jahreszeitenhimmel. Es kommt in die Wirbel der aneinandergereihten Zufallsschnipsel des Lebens und es kommt unter die Räder, genau wie Du. Es merkt, wie die Welt ist – sie ist vom harten Holz des Bettes im muffigen Stall und vom harten Holz des Kreuzes an jenem Freitag., dunkel und mit bebender Erde im Frühlingssturm. Und es wird nach Gott schreien – dieses Menschenkind – so wie Du auch schreist, wenn das Leben geht und nicht bleibt. Aber das Menschenkind findet doch und trotzdem drei Tage später im frühen Licht ein ganz anderes Leben wieder. Und gibt es an Dich weiter. Da kommt Leben, da ist Licht. Das Kind in der Krippe ist mitten im vergehenden Leben. Und es geht einen Schritt weiter. Du musst Dich nur an diesem Menschen festhalten.

Vor fast zweitausend Jahren schreibt einer an den Schluss eines langen Briefes ein irres Vertrauen. Lobt Gott. Dafür, dass der allein klug ist. Und dass Gott seine Pläne für uns zu Weihnachten ausgebreitet hat.

Der da schreibt, sieht die ganze Geschichte: Von der Krippe über das Kreuz bis zum leeren Grab. Darüber muss er so staunen, dass wir das, was er sagt, kaum noch verstehen. Er schwärmt, liebt und lobt eine Macht – und kann sie doch nicht beweisen…

Ich kann sie auch nicht beweisen. Trotzdem waren die Kirchen wieder voll. So voll, dass nicht einmal zwei Gottesdienste ausgereicht haben. Und jetzt kommen wir wieder an. In den Niederungen unseres Alltags. Eiskalte Stürme wehen über den Brocken. Und die Welt ist weit entfernt vom Frieden. Aber Gott ist in dieser Welt. Er ist dabei, wenn Du nicht mehr kannst. Er hat sich in das Leben verliebt, das er gemacht hat und jeden Tag schenkt. Das darfst Du wissen. Und mit dem alten Apostel loben und staunen wir: Das Licht strahlt, gibt Licht, verlässt keinen. Nie mehr.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.