Durch den Vorhang hindurchsehen …

Manchmal möchte ich durchsehen: Durch den Nebelvorhang im späten November möchte ich die glänzenden Adventskerzen sehen, weil die nämlich kommen – aber vor einer Woche sehe ich doch nur weinende Menschen an frischen Gräbern.

Manchmal möchte ich durchsehen: Durch den Schleier, der mich nicht sehen lässt , was kommt – aber es hilft nichts: Jetzt bin ich hier und nicht erst dann. Was kommt, kommt auf mich zu. Daher hat es seinen Namen: Zukunft. Von der bin ich ein Teil – da muss ich mitmachen, sonst kommt sie nicht. Ist so.

Manchmal möchte ich durchsehen: Möchte wissen, was wirklich richtig ist: Was mich zum Ziel bringt und was nicht. Und wann ich endlich einmal zufrieden sein werde und nichts bewegen muss. Sie bewegen ja gar nichts, Herr Pfarrer!

Manchmal möchte ich wissen, was wir hier in der Christusgemeinde machen müssten, um den Menschen wirklich ein Zuhause zu sein, wo sie ihren abgekühlten Mut wieder mit Licht und Wärme auffüllen.

Manchmal möchte ich wissen, was aus dem schönen Schierke wird: Ob all die hochfliegenden Tourismuspläne etwas bringen, ob wir das Pfarrhaus dort verkaufen oder behalten sollen, ob es sich lohnt, die Kirche aufzurüsten zu einem Gemeindezentrum mit Winterkirche und Klo?

Manchmal müssen wir planen: Da hocken dann vier Männer mit stirngefalteten Gesichtern ernst um den Tisch und gucken, wo das Geld für’s nächste Jahr bleibt. Und irgendwann müssen wir auch die Dächer neu machen. Und die Rücklagen sollten wir nicht auffressen.

Manchmal möchte ich durchsehen – auch so insgesamt. Das denke ich an diesem ersten Advent, neuer Tag des letzten Monats von 2013. Manchmal möchte ich wissen, woran ich bin.

 

Vor 12 Jahren – kurz vor dem Advent, sitzt eine tüchtige Frau bei der Tagung ihrer Partei. Eigene Haare hat sie nicht mehr auf dem Kopf. Trockenheit im Munde macht ihr zu schaffen – die Chemo verlangt ihren Tribut. Manche schauen sie mit großen Augen an: Was denn – Du hier? Antwort: Na, wo denn sonst, wat meenste denn?

Sechs Tage später sagt sie – zum ersten Mal in ihrem Leben – alle Termine ab. Geht nicht so richtig, sagt sie. Und dann legt sie sich abends hin und stirbt.

 

Manchmal möchte ich durchsehen. Alles ist wie ein dichter Vorhang. Und dahinter sitzt der liebe GOTT. Und da möchte ich so gerne hin. Möchte einen Teppich vor ihn hinlegen, damit er mit seinem Esel – mit diesem langohrigen, störrischen Tier – reinreiten kann. Der liebe Gott. Hier und jetzt! Auf dem affigsten Reittier, das man sich vorstellen kann – hierhin: Zu Dir und zu mir! Weil ich es doch noch erleben muss, dass er kommt!

 

Vor zwölf Jahren sitze ich in einer Dienstberatung. Kurz vor dem Advent. Es geht um alles und um noch mehr: Immerhin steht Weihnachten vor der Tür: Die Hirten, die Engel und Maria und Josef müssen organisiert werden. Und ich sage: Die und die ist gestorben letzte Nacht.

Und der Pfarrer erschrickt: Meine Frau steckt oben die Sterne zusammen. Letzte Nacht hat sie wieder so einen trockenen Mund gehabt. Sie wissen schon – die Chemo!

 

Manchmal möchte ich durchsehen und wissen, was kommt. Ob man was ändern würde, wenn man wüßte? Würde man anders sein? Und wie würde man sein? Und was würde man tun? Und wie ist das Morgen, wenn ich’s heute schon kenne? Und glaube ich an den lieben Gott, der morgen kommt und von dem heute noch kaum was zu ahnen ist?

 

Zwölf Jahre später: Im Herbst hab ich meinen Vater ins Krankenhaus gefahren. Krankenhaus, das ist immer so eine Sache. Sie wollen mal gucken, haben die Ärzte gesagt. Mal gucken?

Zurück bekommen wir ihn mit Löchern im Bauch und Beuteln und tausend Aufgaben. Für ihn ist es anstrengend und neu. Für uns auch. Aber am letzten Freitag hören wir die Bläser auf dem Adventsmarkt. Die spielen: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit…

Und eine ist heute hier, die pflegt ihre Eltern – und weiß so langsam nicht mehr, wie’s gehen soll. Und eine andere hab ich vorgestern besucht, die sich mit ihrer Mutter die kleinen Ziele setzt: Bis Weihnachten, Herr Pfarrer – dann sehen wir mal! Und es ist irre anstrengend, man weiß manchmal gar nicht, wo einem der Kopf steht!

 

Und in den Fenstern draußen erscheinen die Lichterbögen und der Pfarrer hängt den Herrnhuter Stern auf und schneidet Zweige von der Stechpalme für den Friesenbogen im Wohnzimmerfenster. Und der Küster stellt stundenlang die Krippe auf – alle Jahre wieder. Und die Haushaltsplanung ist noch nicht fertig. Und wir alle wissen, dass bei allem die Welt noch nicht in Ordnung ist. Und was wohl kommen mag?

 

Ich denke immer wieder an diese Tage vor zwölf Jahren: Wo eine engagierte und couragierte Politikerin mitten im Tun die Augen zumacht und stirbt. Und all die Zeit, die ihr noch geblieben ist, wusste sie schon, dass da ein Ende kommt.

Ich denke auch an die ballernden Salven der Maschinengewehre in den Koptenkirchen in Ägypten. Und ich weiß, dass jetzt gerade in Syrien wieder welche wegrennen müssen, weil sie die falsche Glaubensauffassung haben. Und ein Komet rast auf die Sonne zu und wird wohl doch nicht unser Stern über Bethlehem. Und ich frage mich, was denn besser würde, wenn der Vorhang über dem Künftigen sich wenigstens kurzfristig mal lupfen ließe. Was würde ich sehen? Und was würde ich machen?

 

Was kommt? Einer hat vor langen Jahren, mitten in einer Welt, die voll war von Bedrohung und

Sterben und Ende und Tod – einer hat die Menschen zusammengerufen. Bleibt hier, hat er gesagt, werft Euer Vertrauen nicht weg! Einer hat den Vorhang aufgemacht. Gefallen muss Euch das nicht – aber Gott hat sich dahinter sehen lassen. Bleibt hier! Bleibt zusammen! Rennt nicht weg! Nicht vor der Zeit, die kommen wird! Nicht vor dem, was Euch zugemutet wird! Bleibt hier und habt Vertrauen!

 

Gestern habe ich mit großem Gefummel den Herrnhuter Stern aufgehängt. Und heute früh haben meine Kinder das erste Tütchen vom Adventskalender ausgepackt. Hinten in der Kirche steht die Krippe. Und alle Welt wartet immer noch auf die Erlösung – bis zuletzt. Advent. Wir gehen auf Weihnachten zu: Mit all unseren Krankheiten, mit all dem, mit dem wir nicht fertig werden.

Gott kommt. Und er macht, was wir nicht schaffen. Das ist unsere Hoffnung! Amen.