Hier hat meine Geschichte mit Gott angefangen …

Neulich habe ich mit den Vorkonfirmanden mal eine Kirchenerkundungstour gemacht.
Auf welchen Platz würde ich mich im Gottesdienst gern setzen?
Wie ist die Atmosphäre beim Betreten des Raumes?
Welche besonderen Orte in diesem Raum gibt es für mich?
Und eine Frage gab es auch noch:
Welcher Ort im Raum verbindet sich für mich mit einem besonderen Erlebnis?
Dort sollten sie einen Stern mit einer Kerze platzieren
und dann für alle ihre kleine Erlebnis-Geschichte erzählen.
Für die einen war es die Erinnerung an das Krippenspiel letzte Weihnachten.
Andere erinnerten sich an ihre Kindergarten-Erlebnisse mit den vollen Gottesdiensten und den winkenden Eltern. Aber für die meisten war ein Ort im Raum besonders wichtig.
Es war unser Taufstein. Da haben sie ihre Kerzen und Sterne hingelegt.
Hier hat meine Geschichte mit Gott angefangen.
Meine Geschichte. Auch wenn ich mich selbst so gut wie gar nicht daran erinnern kann.
Aber hier war es: Hier hat mir der Pfarrer das Wasser über den Kopf laufen lassen.
Hier hat alles angefangen.
Das hat mich sehr berührt – Vorkonfirmanden lassen sich nicht so gern in ihr Inneres schauen.
Es war schon etwas Besonderes, dass sie davon erzählt haben.
Ein Ort, der mir wichtig ist, wo ich dem Heiligen am ehesten begegne.
Das ist nicht die Kanzel. Das ist auch nicht der Altar.
Sondern das ist das Taufbecken. Hier hat alles angefangen.
Am Beginn jedes Gottesdienstes erinnern wir uns an unsere Taufe:
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, sagt der Pfarrer.
Und alle antworten: Amen. Kaum einem wird es bewusst, dass es so ist.
Unsere katholischen Schwestern und Brüder haben es da etwas leichter.
Bei denen hängt am Eingang ein kleines Wassergefäß,
da tauchen sie ihre Finger ein und bekreuzigen sich.
Wasser – wie bei der Taufe. Und der dreieinige Name Gottes.

Liebe Schwestern und Brüder,
welche Orte, welche Plätze, welche Geschichten würdet Ihr erzählen,
wenn man Euch danach fragte? Gott – wo erlebt Ihr ihn?
Wo berührt Euch das Heilige besonders stark? Ist es hier in der Kirche?
Oder ist es irgendwo ganz anders?
Am liebsten würde ich jetzt mit Euch allen das machen,
was ich neulich mit den Vorkonfirmanden gemacht habe:
Herumgehen und ausprobieren und erzählen.
Ich glaube, das machen wir alle viel zu wenig.
Paulus ist in der altehrwürdigen Stadt Athen angekommen.
Eine Stadt voller Gott-Erinnerungen. Überall Altäre.
Manche reich geschmückt, manche weniger reich.
Je nachdem, ob einem der jeweilige Gott irgendwie nahe ist,
ob er etwas für einen getan hat oder nicht.
Eigentlich praktisch: Ein Gott ist zuständig für dieses und ein anderer zuständig für jenes.
Einer macht schönes Wetter. Und ein anderer heilt Krankheiten.
Und wieder ein anderer sorgt für reiche Ernte oder einen guten Schulabschluss.
Ziemlich religiös waren sie damals in Athen: Es gab Pflichten, es gab Gebete,
es gab Opfergaben und Feiern. An alles war gedacht. Wirklich an alles.
Paulus war besonders von einem Heiligtum beeindruckt:
Irgendwo inmitten all der Altäre und Tempel und Tempelchen hatte er einen besonderen Altar gefunden.
Dem unbekannten Gott, stand darauf. Dem unbekannten Gott.
Das hat ihn nachdenklich gemacht. Offenbar hatten die Athener Sorge gehabt,
dass sie einen Gott vergessen haben könnten. Damit das nicht passiert,
hatten sie sozusagen eine Blackbox geschaffen:
Sollten wir vergessen haben, einen der Götter zu ehren,
dann legen wir hier noch ein paar Blumen drauf oder opfern noch ein bisschen was.
Dann ist an alle gedacht. Dem unbekannten Gott – und damit gut.
Ich stelle mir vor, wie Paulus lächelnd und ein bisschen kopfschüttelnd vor diesem Altar gestanden hat.
Für ihn war es sowieso klar, dass es nur EINEN GOTT geben kann.
Den nämlich, der ihn beauftragt hatte. Von diesem einen musste er erzählen.
Von dem Gott, der alles geschaffen hat und der alles erhält.
Der, von dem wir sind und zu dem wir zurückkehren.
Der, der aus Liebe zu den Menschen alles eingesetzt hat
und sogar Mensch geworden ist.
Der Gott, der die letzte Bedrohung des Menschen, den Tod, entmachtet hatte.
Ein Gott den er immer um sich wusste.
Ein Gott aber auch, der ihm in vielen Stücken so seltsam fern und unbekannt blieb – bei aller Nähe und Liebe, die er den Menschen schenkte.
Wer kann schon sagen: Ich kenne Gott wirklich?
Und ich stelle mir vor, wie Paulus plötzlich auf diese wunderbare Idee für seine Predigt kam:
Von diesem Altar musste er den Athenern erzählen!
Hier wird der fremde und seltsame Gott verehrt, der in aller Freiheit handelt!
Das ist kein „Hausgöttle“, der für schönes Wetter oder gute Ernte sorgt,
sondern es ist der, der „alles in allem“ ist,
wie Paulus in einem seiner Briefe einmal schreiben wird.
Mutig stellt er sich in die Mitte. Und er predigt. Vollmundig. Und überzeugt. Ob er jemanden überzeugen konnte? Ein paar werden neugierig. Andere lachen ihn aus. Manche haben gerade keine Zeit. Und Paulus geht von ihnen, lesen wir.
Der unbekannte Gott. Manche haben etwas von ihm leuchten sehen.
Und andere sehen sich in ihrem Weltbild bestätigt.
Immerhin: Paulus haben sie in Ruhe gelassen.
Liebe Schwestern und Brüder,
so ist das mit dem „unbekannten Gott“: Nicht immer,
wenn unsereins von den eigenen Erfahrungen mit dem spricht,
sind gleich alle überzeugt.
Trotzdem reden wir von ihm und reden davon,
wie ER in unserm Leben wirkt und anwesend ist.
Wir tauschen unsere Erfahrungen. Und manchmal schütteln wir auch den Kopf.
Und trotzdem können wir eine gute Botschaft mitnehmen – für mich der schönste Satz aus der ganzen Paulus-Predigt: Gott ist nicht ferne von einem jeden von uns.
Heute haben wir im Gottesdienst miterleben dürfen, wie da Menschen gekommen sind,
die ihr kleines Kind getauft haben.
Mitten im Leben: Die guten Erfahrungen mit dem unbekannten Gott sollen weitergehen – auch für Annalena.
Wir haben getauft und wir wünschen Segen, wir beten und wir singen.
Und keiner von uns kann wissen, wie und ob Annalena dieses Geschenk von heute auspacken wird.
Aber der Gedanke ist schön, dass sie sich von heute an in Gesellschaft befindet.
Gott ist für sie da. Denn durch die Taufe hat er sich an sie gebunden.
Und Annalena ist mit uns alten und jungen Christen seit heute Teil einer Hoffnungsgemeinschaft,
die sich auf den unbekannten Gott gründet.
Diesen Glauben haben wir vorhin für sie miteinander am Taufstein bekannt – all das, was wir zu glauben wissen von diesem Unbekannten, auf den wir vertrauen, so gut wir können.
Ich stelle mir vor, wie Annalena vielleicht irgendwann auch ihre Kerze auf den Taufstein stellt:
Hier bin ich getauft – hier hat alles angefangen.
Und ich stelle mir auch vor, wie Ihr alle in Gedanken Euern Ort in Eurer Kirche sucht und findet,
wo ihr ihn – den Unbekannten – wohl fühlen und finden könnt.
Sein Segen soll mit Euch gehen! Amen.

 

JUBILATE                                    Pfr. Schmudde (11.05.2014)