PALMARUM – Wer bin ich?

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.
Amen.

Eine Wolke von Zeugen? Ja.
Jakob war ein Betrüger, Petrus war impulsiv.
David hatte eine Affäre. Noah betrank sich.
Jonah lief von Gott weg. Paulus war ein Mörder.
Miriam war eine Tratschtante.  Martha machte sich zu viele Sorgen.
Gideon war  unsicher. Thomas war ein Zweifler. Sarah war ungeduldig.
Elijah war depressiv. Moses stotterte. Zachäus war klein.
Abraham war alt. Und Lazarus war tot.

Ein Facebook-Eintrag gab mir zu denken.

GOTT BERUFT NICHT DIE QUALIFIZIERTEN.
ER QUALIFIZIERT DIE BERUFENEN.

 

Es muss noch recht kühl gewesen sein an jenem Morgen,
an jenem 9ten April,  vor ziemlich genau 69 Jahren.
Und müde müssen sie gewesen sein, die sechs Männer,
die in diese Morgenkühle hinaus treten.
Die ganze Nacht hatten die Verhöre und Verurteilungen gedauert,
die ganze Nacht lang hatte es quälende Fragen gegeben,
waren sie als ehr- und würdelos beschimpft worden
und bis zum Morgen hatte es gedauert,
bis auch der letzte sein Urteil bekommen hatte.
Es lautete wie das der anderen: Hinrichtung durch den Strang.
Als besondere Demütigung hatte man sich ausgedacht,
dass die Sechs völlig nackt ihren letzten Gang anzutreten hätten.
Und so steigen sie ohne Kleidung auf die kleinen Stiegen am Galgen.
Sechs Uhr ist es, als man ihnen die Schlinge um den Hals legt.
Dann werden die Stiegen unter ihren Füßen weg geschlagen.
Nach kurzem Todeskampf hängen die nackten Körper still.
Die Exekution ist vorbei.

Die Henker erhalten als Verpflegungssonderzulage Blutwurst und Schnaps.
Am 9ten April. Vor 69 Jahren.
Da war der Krieg fast zu Ende.

Kurze Zeit vorher hatte jener Sechste,
der sein Urteil als letzter empfangen hatte,
ein Gedicht geschrieben,
wie sooft in den schweren Tagen der Kerkerhaft.
Gebete hatte er geschrieben für seine Leidensgenossen,
Gebete, die ihnen Trost und Vertrauen
zu dem fernen, kalten Gott wieder geschenkt haben.

Dieses war nun für ihn selbst:

Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß

Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich?
Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich?
Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich?
Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin,
Du kennst mich,
Dein bin ich,
o Gott!

 

Dietrich Bonhoeffer.
Gestorben –
am 9ten April vor 69 Jahren.
Umgetrieben von Fragen.
In Todesangst.
Völlig ohne jeden Optimismus,
aber doch erfüllt von einer festen Zuversicht:
Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens.

Der Prophet Jesaja schreibt:
Gott gab mir eine geübte Zunge,
damit ich weiß, wie der Müde durch das Wort zu stärken sei.

Morgen für Morgen weckt Er mich auf,
er weckt mir das Ohr,
damit ich wie ein Jünger zuhören kann.

Gott öffnet mir das Ohr.
Ich aber war nicht widerspenstig, wich nicht zurück.

Meinen Rücken bot ich den Schlägern, meine Wangen denen, die mir den Bart ausreißen bis die Wangen bluten, die mein Aussehen vernichten wollten.

Und Gott hat mir geholfen,
so habe ich mein Gesicht nicht verborgen vor Schlägen und Spucke.
Gott half mir immer wieder, deshalb wurde ich nicht zuschanden,
deshalb machte ich mein Gesicht zum harten Kristall
und wusste, dass ich mich nicht schämen muss.

Denn der ist da, der mich ins Recht setzt.

Wer streitet mit mir? Dem gegenüber bleibe ich aufrecht!

Wer ist mein Gegner im Gericht? Er komme nur her!

Sieh, Gott wird mir helfen, wer will mich da schuldig sprechen?
Sie alle zerfasern wie ein Kleid, das die Motte frisst.

Ich gehe nicht zurück.

Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.

Liebe Gemeinde,
Dietrich Bonhoeffer ist einer, den ich bewundere.
Er ist einer, der nicht zurückgegangen ist hinter das,
was er als richtig erkannt hatte.
Einer, der standhaft geblieben ist, allen Versuchungen zum Trotz.
Einer, der mit seinem Gott auch die letzte Mauer übersprungen hat
und für sich die feste Überzeugung gewonnen hat,
dass hinter allem, hinter der letzten Demütigung
und dem jämmerlichsten Ende doch Gott wartet.
Er reiht sich ein in die Schar der Vertrauenden,
die mit ganzer Konsequenz dem nachgefolgt sind,
den sie sich zum Meister erkoren haben:
Jesus Christus, von dem vorhin in der Lesung gesprochen wurde.
Ich gehe nicht zurück.

Vielleicht bewundere ich diese Konsequenz so sehr,
weil ich sie sooft nicht habe,
weil ich doch so sehr damit beschäftigt bin,
was andere von mir denken,
weil ich bedroht bin von Zukunftsängsten,
weil ich mich lieber arrangiere,
als die letzte Konsequenz zu tragen.
Wer bin ich?
So frage auch ich oft, wenn ein Tag zu Ende geht,
an dem ich überhaupt nicht zufrieden bin
mit seinen Ergebnissen, mit meinem Umgang mit den Mitmenschen.
Wer bin ich?
An Tagen,
in denen mir meine Kompromissbereitschaft wieder mal auf die Füße gefallen ist,
an denen ich zur lächerlichen Figur geworden bin,
weil kein bißchen davon hat leuchten können,
dass ich einer bin, der Gott vertraut.

Wer bin ich?
Ich habe es wieder nicht geschafft,
so zu sein, wie ich wollte.
Ich bin doch zurückgegangen.
Ich habe mein Gesicht verborgen vor dem Gespött,
mein Gesicht ist kein bißchen wie ein Kristall.

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich?
Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir  ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich?
Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin,
Du kennst mich,
Dein bin ich,
o Gott!

Ja, ich möchte es auch so gern schaffen,
konsequent als Christ zu leben.

Einen gibt es in der Passionsgeschichte,
dem ich mich sehr nahe fühle:
Petrus,
der im Brustton der – in dem Moment wirklichen – Überzeugung
seine Bereitschaft zum Mitsterben mit Jesus kund tut
und im nächsten Moment
noch vor dem ersten Hahnenschrei voller Angst davon rennt
und alles über den Haufen wirft.
Und es ist die Szene in der Passionsgeschichte,
die mir immer wieder die Tränen in die Augen treibt:
Und ging hinaus und weinte bitterlich.

Und ich sehe mich am Straßenrand in Jerusalem,
verzückt beim Einzug des Friedenskönigs
mit großen Erwartungen an diesen Eselskönig, Hosianna! –
und kurze Zeit später in der Volksmenge, gerade mutig genug,
nicht in das Kreuzige! Kreuzige ihn! einzustimmen.
Und ging hinaus und weinte bitterlich.

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin,
Du kennst mich,
Dein bin ich,
o Gott!

Konsequenzen tragen mit dem kristallenen Gesicht,
fest und stetig
und immer getragen von der Überzeugung,
auf der richtigen Seite zu stehen.
Das ist das Urteil der Nachwelt,
das sie über Dietrich Bonhoeffer gefällt hat.
Und wer weiß, ob es ihm gefallen hätte,
dass er vor einer englischen Kathedrale wie ein Heiliger in Stein gehauen auf dem Podest steht.

Denn was wissen wir von den einsamen Nächten,
wo sein Gesicht zerfurcht war von Sorgen um die nächsten Freunde?
Wo Zweifel sich eingeschlichen haben und Angst die Seele aufgefressen hat?
Wo sind all die Tränen hingeflossen, die er geweint hat?
Wer hat das gesehen?

Bin ich beides zugleich?
Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?,
so hat er gefragt.

Zermürbt muss der gewesen sein,
der seinem Gott die Frage nach der eigenen Identität stellt:
Wer bin ich?

Bin ich, was andere von mir erwarten?
Bin ich, was ich von mir erwarte?
Bin ich, wie ich mich erlebe?
Gott, kennst du mich?

Nein, niemand muss sich hassen für misslungene Tage
und für uneinsichtige Mitmenschen und für alle Arrangements,
schon gar nicht muss ich mich schämen für meine Tränen.
Nein, meine Existenz ist nicht erbärmlich und kleinlich!
Ich bin nichts weniger als ein Mensch mit dem gesunden Impuls,
mich selbst zu erhalten.
Vielleicht gerade, um anderen mitzuteilen,
wie gut es ist, am Leben zu sein.
Und wie gut es ist, Gott an der Seite zu haben.

Petrus, wenn du dich wieder gefasst hast,
bist du es, der seinen Brüdern Kraft geben muss.
So hat es Jesus gesagt.
Dazugehören und Kraft gewinnen aus dem,
was mir gesagt ist.
Gott an meiner Seite,
der mich jeden Morgen weckt, mir nahe ist
und zu mir spricht,
der mir ein Ohr gegeben hat, immer wieder ihn zu hören.
Das tröstet mich, wenn ich hinausgehe und bitterlich weine:
Der neue Anfang:
Gott gab mir eine geübte Zunge,
damit ich wisse, wie der Müde durch das Wort zu stärken sei.
Morgen für Morgen weckt Er mich auf, er weckt mir das Ohr,
damit ich wie ein Jünger zuhören kann.
Gott öffnet mir das Ohr. Das reicht, um anderen davon weiter zu sagen.
Niemand ist zum Helden geboren,
niemand – außer vielleicht einigen religiösen Virtuosen  –
kommt ohne Zweifel und Anfechtungen durch’s Leben.
Aber das vertrauensvolle Hinhören, das können wir, immer wieder, jeden Morgen von Neuem,
was uns auch begegnet im Leben.

Hinter allem Dunklen leuchtet das Licht von Ostern.
Und Gott breitet die Arme aus und sagt:
Komm, mein Menschenkind, es ist gut!

Wer ich auch bin,
Du kennst mich,
Dein bin ich,
o Gott!
Amen.