Gott mit uns …

Gott mit uns!, stand vor hundert Jahren auf den Koppelschlössern.

Gott mit uns!, haben sie alle gepredigt, die wir heute verehren.

„Gott hat uns heute die blankeKlinge indie Hand gelegt: Deutschland soll größer werden und mit ihm mein Name“, predigte meine Lieblingspfarrer. (So eine Predigt hätte ich schon damals zum Heulen gefunden. Ein Glück: Später war es bei Paul Tillich anders geworden.)

 Später war es anders geworden. Später erstickten Menschen an den Steckschüssen in ihren Brustkörben.

 Dieses Später ist in der letzten Woche ganz nahe gerückt. Gott ist groß!, haben sie gerufen. Gerade hatten sie zwölf Menschen das Lebenslicht ausgeschossen. Ein Mord mit vielen Folgeschäden. Und mein liebes Frankreich weint. Die Mörder sind tot. Und die Idee des weltoffenen Lebens hat dicke Beulen bekommen. Wegen der Religion? Wegen eines Glaubens? Meistens ist es ja ein Glaube, der alles Ungläubige kaputt macht.

 Ich bin traurig heute. Nicht wegen der bekloppten Karikaturen von Charlie Hebdo. Sondern, weil da Tote liegen. Und weil etwas kaputt gegangen ist. Weil ein Glaube dem Aberglauben aufgesessen ist, dass man nur schießen muss und dann ist alles, was stört, weg. Und alles, was weh tut zwischen unseren unterschiedlichen Auffassungen von der Welt, die wir kennen und gestalten wollen haben zwei Idioten kaputt gemacht. Ich bin traurig.

 Hier entsteht eine Welt, die weder ich kenne noch Ihr kennen lernen wollt. Es ist nur Blut und Trauer. Nichts sonst. Und, dass es so eine Welt ist, in der meine kleinen Kinder leben sollen – das macht mich wütend, denn so war das nicht gedacht! Das sollt Ihr nicht von mir erben!

 So eine Welt habe ich nicht für Euch gewollt! Von so einer Welt dachte ich, dass sie hundert Jahre her ist. Aber alle Wochen rennen 18000 Menschen voller Hass durch die sächsische Metropole und geben der Angst den weitesten Raum. Ich bin traurig und ratlos. Und Christus ist geboren. Und ich soll Euch das verkünden. Geht das?

 Gott zieht Dich wie durchs Ertrinken auf die Seite des Lebens. Das ist das Thema heute. Denn am Ufer der Jordan steht einer, der rumschreit. Einer, der weiß, wie Gott es richtig macht. Einer, der ist, wie ein Eunuch: Er weiß, wie mans macht – bloß machen kann er’s nicht …Er schreit Menschen an: Ihr Schlangenbrut!

 Manchmal denk ich: Das stimmt! Ich weiß, was ich nicht will. Bloß: Machen kann ich auch nichts. Ich predige und schreie – die Hälfte der Zuhörer gibt mir irgendwie recht (wenn überhaupt so viele). Und dann ist Sonntag. Frei. Das Gute ist gesagt. Aber Morgen ist Montag. Und am Dienstag hört man von den Abendlandsvertretern in Dresden – die kriegen Presse …

 Wir aber nicht! Obwohl wir manchmal so unsere Gedanken haben zwischen Pfefferkuchen und Weihnachtsfrieden und so manches verstehen und goutieren.

 Am Jordan wird es plötzlich ganz komisch: Zwischen all denen, die es alles besser wissen, kommt einer, der es noch besser weiß. Die große Bewegung ist mitten im Gange. Und einer von vielen schaut plötzlich ins Wasser. Er sagt: Du hast Recht! Menschen sind nicht ganz sauber. Sind ja Menschen. Ich auch! Wäschst Du mich? Taufst Du mich? Mach! Kannst Du?

 Sympathisch ist der kamelhaarbemäntelte Fundamentalist am Ufer: Er hat plötzlich Skrupel. Darf ich den auch taufen?Er darf. Und er tut’s. Obwohl die Zeremonie nicht ganz passt: Auch auch der wird durch’s Wasser gezogen. Taucht halbertrunken auf. Atmet schwer. Neben ihm japsen sie alle: Die Zuhälter und Zöllner, die Frommen und die Zweifler. Einmal durch’s Wasser gezogen – jetzt grad noch lebendig. Eine Erfahrung. Nicht irgendeine: Eine Gotteserfahrung. Eine Lebenserfahrung: Ich atme und Gott will mein Leben. Hier gehör ich ihm. Ich. Egal, wie dicht dran ich mich sehe: Wenn ich dem mein Leben überlasse, werde ich schwer – aber doch – atmen. Mehr nicht.

 Es passt nicht. Es passt nicht, dass Menschen eine Redaktion überfallen und andere tot schießen.

Es passt nicht. Und ich bin traurig, weil Menschen Gott für ein rachedurstiges Gespenst halten.

Gott aber zieht Dich durch alles Wasser und alles Feuer. Zu sich. Der Dich heil macht, ist durch den Jordan und an das Kreuz gegangen. Der hat kein Schnellfeuergewehr. Denn seine Liebe ist echt. Weil er Dich kennt. Und weil Du eins von seiner Schöpfung bist.
Amen.