Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis …

Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis …

Mein Paradies duftet nach Tannengrün und Pfefferkuchen, leuchtet mit funkelnden Kerzen und dauert mindestens drei Tage lang. Oder auch nur einen Abend unterm Lichterbaum. Paradies. Wie kann man das beschreiben?

Ganz ehrlich: Trotz allem, was im Vorfeld anstrengend war: Der Moment, wenn ich die große Weihnachtsstube – unsere Kirche – am heiligen Abend betrete, ist wie eine Blitzzeitreise. Es duftet, es funkelt, es klingt – so wie früher an all den vielen Weihnachtsabenden, die tief in meinen Kindheitserinnerungen schlafen. Und sie werden wieder wach an diesem Abend. Egal, in welcher Kirche und egal, mit welchen Menschen. Ich kann es nicht anders beschreiben: Irgendetwas ist da wieder heil, hell, vollkommen und einfach schön. Ob in Birmingham oder auf Nordstrand, in Göttingen oder in Hasserode – ein Stück vom Paradies, dem verlorenen, leuchtet dann wieder auf. Ich glaube, manche wissen, wovon ich rede: Weihnachten bringt Dich ins Paradies.

Und wenn die Kinder dann auch noch so klein sind wie unsere, dann sind wir die Glücklichen, die gerade an der Entstehung solch eines Kindheitsparadieses mitwirken dürfen: Krippenspiele, Lieder und Kerzen werden es auch für sie unvergesslich und unnachahmlich machen. Weihnachten. Die Zeit, in der alles gut ist.

Später wird das sich ändern. Zumindest für die Eltern, die ihre Kinder flügge werden sehen. Spätestens zu Silvester gehen sie dann mit ihren Freunden feiern – in der Nachbarschaft oder in Paris. Aber Weihnachten waren wir alle zusammen. Versammelt um die Krippe, die Himmel und Erde zusammenbringt. Den meisten ist der heilige Abend noch heilig.

Der Zwölfjährige sieht das genauso: Über die Feiertage ist er mit den Eltern zusammen. Gute, heilige Zeit mit Besuch im Heiligtum mit all den üblichen Ritualen und Gesängen – bis das Fest zu Ende ist.

Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis …

 Zwölf Jahre vorher war er das ganze Glück seiner Eltern gewesen, hatte, manchmal quakend, manchmal still in der heugefüllten Krippe gelegen, hatte sich in Mutters und Vaters Arme geschmiegt. Für sie und für ihn war es das Paradies gewesen: Vater, Mutter, Kind. Vielleicht war die Erinnerung daran auch bei der Festreise nach Jerusalem wieder und ganz neu wach geworden. Das Kind. Stolz und Freude seiner Eltern. Bilder, die ruhig bleiben dürfen: Der Sohn, der sich mit ihnen auf den Weg macht, lächelnd auf seinem eigenen Esel und voller Vorfreude auf all das Festgetümmel und all die Geheimnisse des Glaubens. Zusammen mit ihnen sich der Gottesnähe nähern. Im Pulk all der Verwandten und Freunde – so, wie das ist bei so einem Fest. Es ist ein bisschen Paradies, wenn Du merkst, dass Deine Kinder in den gleichen Lebensbahnen zuhause sind wie Du selbst. Kein Gedanke daran, dass es da einen Bruch geben könnte.

Manchmal in diesen Tagen schaue ich mir meine Kinder an. Manchmal kommt mir der Gedanke, ob sie wohl diese Feiertage genauso erleben, wie ich sie damals erlebt habe. Ob es wohl schön für die Mädchen gewesen ist, nun endlich auch beim Krippenspiel mitmachen zu dürfen? Im Engelskleid und im Hirtenkostüm? Ich glaube schon. Etwas von der Weihnachtsfreude für andere leuchten zu lassen ist schon etwas Schönes. Und macht ein bisschen stolz.

Das Paradies musst Du selbst entdecken, wenn Du wissen willst, wie es für Dich ist. Wer kann schon sagen, was genau es ist?

Der Zwölfjährige. Er hat wache Augen und Ohren. Vielleicht durfte er auch mit stolzgeschwellter Brust selbst schon einen der heiligen Texte lesen oder sagen. Vielleicht auch nur die berühmten Kinderfragen stellen beim abendlichen Mahl: „Warum ist diese Nacht anders als andere Nächte?“ Er ist wichtig gewesen, damit das Fest gelingt. Auch das: Eine paradiesische Erfahrung: Ich gehöre dazu! Mein Dasein ist wichtig! Für mich und für die anderen. Gottes Nähe – das Paradies. Und er schließt es auf. Für sich. Für alle. Für immer.

Aber für den Zwölfjährigen ist die Gottesnähe nicht in den paar Feiertagen zum Paradies geworden. Er sucht sich eigene Wege. Es sind nicht die Wege seiner Eltern. Drei Tage suchen sie ihn. Und wo sie ihn finden, da gehört er ihrer Meinung nach nicht hin.

Wo gehören Kinder hin? Besonders dann, wenn sie groß werden? Was haben wir ihnen mitgegeben? Und welche Fragen werden ihr Leben begleiten? Werden sie Fragen nach dem Paradies, nach der Gottesnähe weiter stellen als wir denken? Und wie weit reicht unsere Sorge und das, was wir tun können? Auch dabei?

Der Zwölfjährige beantwortet die Sorgenfragen seiner Mutter einigermaßen schroff: „Wisst Ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?

Später wird er Paradiestüren öffnen, die weder seine Eltern damals noch wir heute als Tor zur Gottesnähe verstehen können oder wollen. Aber er findet sie: Gottes Nähe. Und er öffnet es: Das Paradies. Für Dich und für mich.

Das Paradies duftet nach Tannengrün und nach Pfefferkuchen – jedesmal, wenn wir uns mit unseren Kindern auf die vertraute Bahn unserer Feste und Bräuche begeben.

Alle Jahre wieder und solange es geht. Wir kommen zurück und wir finden für kurze Augenblicke, was wir hatten und was wir wieder finden werden.

Das Paradies lässt sich finden. In dem Leben, das Dir und allen, die zu Dir gehören, geschenkt ist. Du findest es, wenn Du selbst und alle, für die Du verantwortlich bist, einen eigenen Weg finden mit der Frage, wo Gott nahe ist, wo Himmel und Erde sich berühren und eins werden.

Für den Zwölfjährigen ist es der Tempel in Jerusalem, ist es das Gespräch mit denen, die wie er auf der Suche sind. Ein paar Jahre später finden alle, die es mit ihm zu tun bekommen, die Antwort in all dem Guten, was sie von ihm hören und mit ihm erleben.

Und in dem Augenblick, wo alles nicht mehr trägt, was bisher trug, wo alle Welt sich von ihm abwendet, weil sie ihn für gottverlassen hält – in dem Augenblick des Todes, der drei Tage dauern wird – da geht die letzte Tür zum Paradies auf: Im Vergehen, in der letzten Unverschämtheit des Lebens – mitten im Tod, da leuchtet plötzlich das Licht des frühen Ostertages.

Heut schließt er wieder auf die Tür …

Von der Krippe bis zum Felsengrab geht Gott Deinen Weg mit. Und dann ist der Stein weggewälzt. Und der Himmel ist offen. Amen.