Gott sagt: ICH bin da

Neujahrsmorgen – Rückblickzeit.
Im Rückblick – Erinnerung.
Erinnern – sich fragen.

Fragen: Warum und Wozu – Antwortversuche.

In der Antwort – wieder Fragen,
Fragen: wie wird es werden – Hoffnungsträume,
Im Hoffen und Träumen – Ausblick,
Ausblick und Zukunft – Neues Jahr.

365 Tage sind vergangen.
365 Tage liegen vor uns.

Rückbesinnung – Neuanfang – Wir stehen an der Schwelle.

Zunächst Rückblick:

Wir schauen zurück und gehen wieder an den Anfang; den Anfang des letzten Jahres. Und auch an manch anderen Jahresanfang, den wir erlebten.
Wir denken an Hoffnungen und Wünsche, die großen und die kleinen; die ausgesprochenen und unausgesprochenen.
Wir denken an das, was wir uns vorgenommen hatten, an gute Vorsätze und Pläne.
Und wir denken daran, was davon Wirklichkeit geworden ist und wo es bei Plänen und Wünschen geblieben ist.

Wir erinnern uns.

Sie erinnern sich – ich erinnere mich.

Da waren die glücklichen, frohen Tage. Treffen mit Freunden, die ich lange nicht mehr gesehen hatte; Grüße von Menschen, die ich fast aus den Augen verloren hatte, erfüllende Musikabende, Augenblicke, wo ich die ganze Welt hätte umarmen können.
Da war der Sommerurlaub mit den langen warmen Nächten, stundenlange Gespräche; Augenblicke voller Geborgenheit, Glück und Fröhlichkeit.

Und es gab die Begegnungen und Ereignisse, die bis heute schmerzen:
Vertrauensbrüche, menschliche Enttäuschungen, das Gefühl, alles alleine machen zu müssen und auch Sorgen um Menschen, denen ich täglich begegne. Oder die Momente, wo ich Menschen verletzt oder vernachlässigt habe. Wo ich selbst Hoffnungen und Wünsche enttäuscht habe.
Ich denke an den Abschied von lieben Menschen; spüre den Verlust wie am ersten Tag.

Es gab auch Überraschendes. Unerwartete Lösungen, gelungene Dinge, die mich zufrieden und glücklich machten. Menschen, die ich kennen und schätzen lernte, Menschen, die da waren, wenn ich sie brauchte.

Ich sehe zurück auf das Jahr, was hinter mir liegt: sehe die Stunden der Traurigkeit, sehe auf die Zeiten, randvoll mit Glück und Lachen.

 

Ausblick:

Ausgebreitet liegt es vor uns, dieses neue Jahr.
365 Tage – 365 neue Tage.
Kein Tag des alten Jahres wird sich dort wiederholen. Und nichts wird so bleiben wie es jetzt ist.
365 unbeschriebene Tage. Es ist, als ob sich die Tür zu einem neuen wunderbaren Raum öffnet.

Ich denke an die Dinge, die zu erwarten sind in diesem neuen Jahr.
Persönliche und berufliche Veränderungen vielleicht.
Weichen werden neu gestellt. Schwerpunkte anders gesetzt.
Neue Aufgaben und Verpflichtungen kommen.
Da sind die Veränderungen im Freundeskreis. Die einen ziehen weg. Andere kommen wieder. Neues Kennen lernen nach langer Zeit.

Da sind die Pläne, die für den Urlaub gemacht werden.
Neue Entdeckungen, neue Eindrücke wird es bringen – dieses neue Jahr.

Und dann sind da noch die Sorgen, die ich mit hinübernehme ins Neue Jahr, um die Menschen, die mir am Herzen liegen; Freunde und Angehörige, die krank sind; wo die dürftige Zeit scheinbar nur Ungewissheit bringt; wo nicht klar ist, wie es weitergeht.

Ich merke, dass die 365 unbeschriebenen Tage des neuen Jahres ganz unterschiedliche Gefühle in mir auslösen.
Sie machen mich neugierig auf das, was kommt und zugleich auch unsicher, weil ich nicht immer weiß, was kommt.
Hoffnung habe ich, dass sich alle Pläne und Vorhaben zum Guten wenden mögen. Zugleich ist das Wissen da, dass sich meine Wünsche und Träume nicht immer erfüllen werden.

Was wird es bringen – das neue Jahr? Wo wird es Abschied geben?

Welche Hoffnungen werden sich erfüllen?

Ich sehe voraus in das neue Jahr: Sehe auf die Ereignisse, die mich mit Sorge erfüllen; sehe die Tage, von denen ich nichts weiß; sehe auf die Stunden, die ich mit Freude erwarte.

 

Gegenwart:

Hier stehen wir nun – an der Schwelle zwischen altem und neuem Jahr:
Reicher geworden – durch die Erfahrungen der vergangenen Jahre.
Geprägt von Eindrücken und Begegnungen.
Auf die unterschiedlichste Weise gezeichnet von Freude und Leid.
Hier stehen wir nun – am Anfang des neuen Jahres.
Neugierig auf die Überraschungen, die uns erwarten.
Unsicher, weil so viele Fragezeichen am Anfang unseres Weges stehen.
Hier stehen wir nun – zurückblickend und vorausschauend zugleich.
Und suchen nach Halt und Gewissheit für das, was vor uns liegt.

Wir fragen nach dem, was Bestand hat in unserem Leben, was wirklich verlässlich ist.

Ich denke an die Botschaft des Weihnachtsfestes. „Gott ist geboren – für euch.“ Für alle Menschen. Und er hält und trägt durch das, was war und durch alles, was kommt. Bei Ihm ist alle Zeit aufgehoben. Er ist der Grundton allen Lebens, auch meines Lebens.

Heute – an der Schwelle zum neuen Jahr lädt er uns ein, seinem Nahesein – und alles abzulegen, was bedrückt und belastet und es ihm ganz zu überlassen.

Damit wir mit frohem Mut und fröhlichem Herzen den Raum des neuen Jahres betreten.
Frei und unbeschwert, weil wir es wissen: Gott selber ist da.
Bei uns – mit Seiner Liebe und Zuwendung.
Und er wird nicht von uns lassen.
Keinen Tag wird es geben, an dem Er uns nicht Seinen Segen zuspricht.

„Gott sagt: Ich bin da

In das Dunkel deiner Vergangenheit und in das Ungewisse deiner Zukunft, in Deine Sorgen und Deine Freude lege ich meine Zusage: Ich bin da.
In das Spiel deiner Gefühle und in den Ernst deiner Gedanken, in den Reichtum deines Schweigens und in die Armut deiner Sprache lege ich meine Zusage: Ich bin da.

In die Fülle deiner Aufgaben und in die Leere deiner Geschäftigkeit, in die Vielzahl deiner Fähigkeiten und in die Grenzen deiner Begabung lege ich meine Zusage: Ich bin da.

In die Freude deines Erfolgs und in den Schmerz deines Versagens lege ich meine Zusage: Ich bin da.

In die Enge deines Alltags und in die Weite deiner Träume lege ich meine Zusage: Ich bin da.“

Ja, wenn es einen Vorsatz gibt für das neue Jahr, dann diesen: aus der Verheißung Gottes will ich leben.

Weil Er unser Leben in den einen großen Sinnzusammenhang der Schöpfung hinein geordnet hat und in Seinem Heilsplan beschützt für alle Zeit und Ewigkeit.

Gottes Gnade – sie hat uns in der Vergangenheit getragen.

Sie wird uns in der Zukunft tragen.

Gottes Gnade – jeden Tag neu, jede Stunde gegenwärtig, jederzeit erfahrbar für jeden von uns.

Amen.

 

[Superintendentin Angelika Zädow: Predigt am Neujahrstag 2016 in der Christuskirche]