Warum sich ein zweiter Blick auf das Gemälde neben dem Seiteneingang lohnt

Der Gemein­de­nach­mittag im April stand ganz im Zeichen eines der Kunst­werke, die unsere Chris­tuskirche schmücken – dem Gemälde neben dem nördlichen Seit­enein­gang, welches die Heilige Familie im Jerusalemer Tempel zeigt. Die dargestellte Szene findet sich auss­chließlich im Lukas-Evan­gelium und verbindet dort die Weih­nachts­geschichte und die Erzäh­lung vom zwölfjährigen Jesus, der in Jerusalem verschwindet, von seinen Eltern gesucht und im Tempel wiederge­funden wird. Unser Bild aus dem Jahr 1702 zeigt jedoch eine ganz andere Begeg­nung im Tempel – die soge­nannte Darstel­lung des Herrn. Vierzig Tage nach der Geburt wird Jesus im Tempel dem jüdis­chen Brauch folgend einem Priester zur Segnung vorgestellt, wobei die Eltern ein Paar Turteltauben als Reini­gung­sopfer übergeben – ein kostengün­stiges Opfer, welches nur den beson­ders armen Fami­lien gestattet war.

Mit diesem etwas abseits hängenden Gemälde setzte sich die zehn Gemein­deglieder starke Runde intensiv auseinander. Dabei wurde nicht nur das Bild selbst betra­chtet und über seine Bedeu­tung disku­tiert, sondern auch anhand etlicher anderer Kunst­werke die Wand­lung dieses Motivs über die Jahrhun­derte verfolgt – von einer ital­ienis­chen Wand­malerei aus dem 14. Jahrhun­dert über das Fenster einer amerikanis­chen Kirche und einen Kupfer­stich aus der Macklin-Bibel bis hin zum Aquarell eines Künstlers aus Kamerun in den 70er Jahren wurde das Bild der Heiligen Familie im Tempel immer wieder aus neuen Perspek­tiven und mit anderen Schw­er­punkten aufge­griffen. Allein Rembrandt malte diese kurze Passage aus dem Lukas-Evan­gelium während seines Künstler­lebens ganze elf Mal. Und nicht nur die bildende Kunst setzte sich mit der “Prae­sen­tatio in Templo” auseinander – zum Abschluss der munteren Diskus­sion­srunde wurde im Pfar­rhaus noch eine der im 17. Jahrhun­dert von Hein­rich Ignaz Franz Biber komponierten Rosenkranz-Sonaten ange­hört, die eben­falls dieser Szene gewidmet ist.

Der Gemein­de­nach­mittag schloss mit einer kurzen Andacht, dem guten Vorsatz, diesem eher unschein­baren Kunst­werk beim näch­sten Besuch in der Chris­tuskirche einen zweiten Blick zu widmen – und natür­lich wie immer mit Kaffee, selb­st­gemachtem Kuchen und vielen guten Gesprächen. Wer auch einmal vorbeis­chauen möchte – die Runde trifft sich jeden ersten Montag im Monat immer um 14:00 Uhr im Pfar­rhaus unserer Gemeinde.

Das Vortragsskript zum Gemein­de­nach­mittag kann hier herun­terge­laden werden — nach­fol­gend noch eine kleine Auswahl von Darstel­lungen der “Prae­sen­tatio” aus verschiedenen Epochen und künst­lerischen Stilrichtungen.

-> Down­load des Vortrags über das Presen­tatio-Gemälde zum Gemein­de­nach­mittag am 13.04.2026

Presen­tatie van Christus in de tempel — Rijksmu­seum, Nether­lands — Public Domain.
Darbringung Jesu im Tempel — Institut für Realienkunde, Öster­reich — CC BY-NC-ND.
Darbringung Christi im Tempel — Kunst­samm­lung der Univer­sität Göttingen — CC BY-SA.
Incipit of the manu­script of n. IV (Chaconne) of Biber’s Rosary Sonatas — Public Domain.
Hosios Loukas Katho­likon — Foto: Hans A. Rosbach — CC BY-SA 3.0
Von Giovanni Domenico Tiepolo — Erik Cornelius / National­mu­seum — gemeinfrei.